Cycling the morning sun smile part 02: Der große Sprung nach vorn

Puh, sollte es so detailliert und sortiert weitergehen wie bisher dann schreibe ich noch Blogbeiträge, wenn ich schon längst wieder in Schland bin. Und so ist es das Los der/des Blogschreibenden inmitten pulsierender Großstädte bei bestem Wetter schattige WLAN-Höhlen aufzusuchen, wie eine falsch gepolte Motte entgegen dem Licht, und in Fotos und Tagebucheinträgen zu stöbern, um zumindest irgendeine Form der Aktualität hinzubekommen. Jetzt gerade, wir schreiben den 22.06.2017, sitzen wir in Tbilissi, es war ein abenteuerlicher Weg, der uns von Ljubljana hierherführte.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit

Nun standen wir da in Ljubljana mit all unseren Sachen am Straßenrand, alles durcheinander, alles ausgepackt, aber an die Zahnbürste hat er gedacht, der liebe Warmshowers-Host, der dann lieber doch keiner mehr sein wollte. Aber das ROG nahm uns auf, gab uns Kaffee und einen Ort zum Nächtigen.

Wir verließen das chaotische Treiben der schönen Stadt, schlüpften durch den industriellen Großstadtgürtel und waren endlich wieder in Grünen und kamen schon bald ans Meer.

 

Den nächsten Tagen und Wochen konnten wir die Karten auf den Handys getrost unangeblickt lassen, denn die Adria Magistrale lässt sich schwer verfehlen. Auf dieser Straße erfuhren wir welche Kraft Wind haben kann, wie schön ein Dach über dem Kopf sein kann (liebe Grüße an Simon!), wie lecker saftige Maulbeeren sind, wie erfrischend ein Bad am Nachmittag ist, wie hässlich Großstädte sind (vor allem von Außen, wenn man nur durch die Industriegebiete irrt), wie man einem kleinen albanischen Straßenhundwelpen hunderte Kilometer unter dem Radtrikot ein neues Zuhause geben kann, wie überrannt Dubrovnik ist und wie lecker dann doch ein selbstgekochter Kaffe vor dessen Stadtmauern ist, wie schön und ruhig Markos Garten ist ( er betreibt es als Nature Park, und hat auch eine Website ( http://www.natureparkmikulici.com/howtogethere.html (link is external) ), aber auch wie sehr mensch in diesem Garten ob des Friedens und der Ruhe verloren gehen kann; zum Glück befreite uns Mave, doch James mussten wir leider zurücklassen, aber er schien damit auch nicht zu unglücklich.

Wir genossen Gesellschaft, wunderschöne Landschaft, planaren Asphalt, sanfte Steigungen, prallen Sonnenschein und doch verließen wir in Montenegro die Küstenstraße und begaben uns in das bergige Hinterland des sogenannten Balkans (Wir haben ganz verschiedene Referenzen zum Wort Balkan gehört, manche positiv, manche eher distanziert, manch identitär, andere eher geographisch).

Und dann erfuhren wir, das Grenzen sich auch ganz konkret im Straßenbild niederschlagen können, nicht nur an den hässlichen Grenzstationen (die ehemalige Grenzstation zwischen Österreich und Italien – oder war es Italien und Slovenien…?- ist nun übrigens ein Friseursalon!), sondern auch in der Qualität des Asphalts. ging es bis an die montenegrisch-albanische Grenze noch über glatten Asphalt, brach dieser abrupt hinter der Grenze ab und wurde, wenn auch nur kurz, zu einer Schotterpiste. Und es machte schon viel aus diese kleine, eigenartige Grenze. Es fühlte sich plötzlich anders an, ganz und gar nicht mehr europäisch, oder zumindest wurde uns beiden ziemlich deutlich bewusst, welch beschränkten Begriff von Europa wir beide hatten und noch immer haben, mit einer kartoffeligen Sozialisation und einem entsprechenden Horizont gab es ein grob umrissenes Miteleuropa, aber schon bei den Namen und der Geschichte der südosteuropäischen Länder kamen wir ins Stocken. So konnten wir ein wenig mehr Licht in das dunkle Loch unserer Unwissenheit bringen – ohne jetzt relativierend und pathetisch werden zu wollen. Und man bekommt seine Privilegien nochmal so richtig schön zu spüren, wenn man an der Grenze nur mit dem goldenen Ticket a la „Reisepass der Bundesrepublik Deutschland“ winkt und mit einem Lächeln begrüßt wird und einem dann eine albanische Familie erzählt, dass sie gerne in Deutschland gelebt hätten, dann aber abgeschoben wurden und nun wieder in einem Land leben müssen, in dem sie für sich keine Perspektive sehen.

Weiter durch die Berge. Die Schotterpisten in den albanischen Bergen schütteln uns ganz ordentlich durch, was sich nach einer durchkotzen Nacht in der wunderschönen Abgelegenheit dieser Region dann plötzlich garnicht mehr so toll anfühlt, aber die nächste Stadt nahm uns in Empfang und so bestiegen wir zum ersten Mal ein Hotel. Fließend Wasser und ein Klo sind in einem solchen Fall dann doch ein ganz angenehmer Luxus.

Mit noch leicht flauem Magen geht es weiter über Passstraßen, vorbei an kleinen Dörfern, Herden von Kühen, Schafen, Ziegen, die so selbstverständlich wie die alten Mercedes-Autos hier die Straße benutzen. Dann noch eine Grenze, ein Hochgebirgssee im mazedonischen Nationalpark, ein mazedonischer Gartenlandschaftsbauer, der 10 Jahre in Remscheid-Lennep gelebt hat und das Straßenbegleitgrün der A2 zwischen Hannover und Berlin pflegte, liebe Bekanntschaften mit lieben Leuten, eine abgefuckte Nacht auf einem LKW-Parkplatz in Skopje – inklusive Hupkonzert, denn an diesem Abend wurde Mazedonien Handballweltmeister – dann ein Stück Autobahn, ein umso schönerer Schlafplatz in einem idyllischen Apfelhain mit vielen Bienen, schon wieder eine von diesen Grenzen, eine schnurgerade Abfahrt und schon sind wir in Kyustendil, Bulgarien.

Die Zugfahrt nach Sofia erweist sich noch als sehr angenehm, Fahrräder kein Problem, und so tuckern wir in einem ausrangierten Zug der DB durch die bulgarische Landschaft. In Sofia werden wir wieder herzlichst empfangen (Grüße an Venelin!), genießen einen Abend und einen ganzen Tag, können nochmal waschen, uns sortieren, am Film weiterarbeiten und dank WLAN telefonieren und kommunizieren.

Im Nachtzug nach Istanbul ist die Situation mit den Fahrrädern dann schon wieder etwas unklarer. Aber nach kurzem Hind und Her und einem kleinen Aufschlag (10€) bekommen die Räder sogar ein eigenes Abteil, jedes Fahrrad mit einem eigenen Bett und wir können beruhigt  nach Istanbul rollen. Hier sinkt die Fahrrad-im-Zug-Toleranzkurve aber noch weiter und so müssen wir mit dem Bus weiterfahren, überqueren dabei insgesamt drei mal den Bosporus und schlafen eine Nacht in einem Stadtpark in einem Istanbuler Vorort, umgeben von spielenden Kindern und grillenden Familien, die in der Abwesenheit der Sonne den Ramadan verbringen. Nach ein wenig Bangen und Hoffen kommen wir auch tatsächlich nach über 30 Stunden an der türkisch – georgischen Grenze an. Und wieder einmal ein freundliches Lächeln, als die goldenen Lettern auf dem karminrot des Reisepasses aufblitzen. Der Bus hat leider keinen goldenes Tieckt und muss deswegen länger warten als wir. So fahren wir des Nachts die georgische Küstenstraße entlang, weichen schlafenden Straßenhunden aus und erreichen schließlich Batumi.

Die radtauglichen Pfade die von Europa nach Asien führen verengen sich hier zunehmend und so treffen wir in Batumi zahlreiche andere Radreisende. Alle dieselbe Richtung, Armenien, oder Aserbaidschan, also erstmal ein Stück zusammen fahren. Und so haben wir das Vergnügen mit den zwei Dresdner*innen Nina und Ludwig die nächsten Tage zu verbringen. Endlich geht es auf dem Radel weiter, und von nun an wirklich nur noch Radel ?!, und der Zeitdruck die Visatermine einzuhalten ist auch deutlich weniger, da wir ab hier auch nur noch mit 70km am Tag und deutlich mehr Ruhetagen gerechnet haben.

Hinauf geht es in die georgischen Berge, wunderschöne Straßen, wunderschöne Menschen, wunderschöne Landschaften. Nur das Wetter will uns zum ersten Mal nicht wohlgesonnen sein und so klettern wir bei Regen langsam und gemütlich Richtung Goderdzi-Pass, finden Zuflucht im Restaurant Edelweiss, wärmen und stärken uns mit georgischem Essen und Bier und fahren weiter durch die neblige Mondlandschaft. Die nächsten Tage werden wir immer wieder nette Menschen um uns haben – wir scheinen kaputte Autos anzuziehen und nirgends können diese besser repariert werden, als direkt neben unserem Lagerplatz – werden eingeladen, aufgefangen, versorgt, gesättigt, begrüßt und sogar im Auto mitgenommen, um nicht im Gewitter auf einem baumlosen Pass stehen zu müssen. Und so geht die Geschichte, die uns nach Tbilissi geführt hat.

7 Antworten auf Cycling the morning sun smile part 02: Der große Sprung nach vorn

    • Happy Homeless Hippie
      Happy Homeless Hippie

      Hej Johannes, biste mittlerweile in Norwegen?
      Guru ja ja, deine weisen Vorhersagungen über den Mix aus shimano 9fach zähnen, der campy record und den sram links werden in naher zu Zukunft aus meinen radtaschen purzeln und sich der radwelt offenbaren. Sie haben jetze fast 4000km reise in den Taschen hinter sich und noch keinen meter selbst rotiert :) … ich kratz immer noch den Acera krams runter und bin fasziniert daß da immer noch nichts springt ….. bla bla bla. Alles gute wünsch ich dir

      • Yohaarnetz

        Namaste Ihr Reiseradobergurus,
        nach einer circa 8000km langen Schneise der Verwüstung durch Dänemark, Norwegen, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Schweden, Dänemark ist die erste C9 durch.
        Wollte jetzt auch mal Richtung Südosten…
        Wünsche euch kein Dorn im dritten Auge, in den Reifen und viele Rauchbomben für die Katalysatorlungen auf den Highways dieser Welt!

  • Es ist wunderbar, an Euren Reiseerfahrungen teilzuhaben. Lässt die eurozentrische Weltsicht nochmal mehr demütig schrumpfen.
    @Andi: nach langer Arbeitsphase ist jetzt dann wieder Homepagepflege dran :-)

    • Happy Homeless Hippie
      Happy Homeless Hippie

      Salaam Poorya,
      Thank you for the very nice evening with your family.
      We arrived to Kashan yesterday evening and will cycle towards Esfahan tomorrow.
      Wish you all the best. Greetings to your family, Andi

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