Cycling the morning sun smile part 03: Rauf und Runter

Die Temperaturen neigen sich in Abwesenheit der Sonne wieder unter Körpernormaltemperatur, der Ventilator bläst unablässig Partikel durch die Luft und aus dem eben noch zähflüssigen Körper formiert sich ein fast schon wieder festes Gebilde und materialisiert sich spontan in der Nähe des kaspischen Meeres, genauer gesagt in Rasht, in einem Hotelzimmer, auf der Bettkante sitzend; langsam hören auch die Klamotten auf zu kleben und das Leben nimmt seinen Lauf, der Kopf kommt in Schwung, alles ein wenig langsamer als sonst, besonnener, gelassener. Die Exaktheit der Zeit ist was für gemäßigtere Temperaturen, hier schmilzt die Zeit dahin, wie die Uhren von Dali.

Immer hinauf, hinunter, hinauf, hinunter ging es seit Tbilissi, die Höhenmeter stechen die Streckenkilometer um ein Vielfaches aus, jubeln freudig und hinter jedem Pass eine neue, noch schönere, noch faszinierendere Landschaft.

Wir verlassen das saftige Grün des georgischen Kaukasus und begeben uns in die hügelige Welt Armeniens, die Route ist recht simpel, da die Natur hier den Weg vorgibt und sich an Flussläufen und Tälern orientiert. Jeden Tag radeln wir einen, oder zwei Pässe hoch, poltern auf der anderen Seite wieder hinunter, und am nächsten Tag dasselbe Spiel nochmal. Häufig in Nähe zu Azerbaijan, überall Militätposten und Kasernen und Schilder, die einen darauf verweisen, dass Betreten ohne gültige Ausweisdokumente strengstens untersagt sei. Wir kümmern uns nicht weiter um Grenzstreitigkeiten und saugen die wunderschöne Landschaft in uns ein. Vorbei am Lake Sevan, einem der höchsten und größten Gebirgsseen und dem größten See Armeniens, über den Selim Pass in eine trockene, heiße Steppenlandschaft, wieder hinauf, wieder hinunter, die Landschaft wieder grün, das Wetter unberechenbar, der Wind irgendwie immer gegen uns. Freuten wir uns auf der Passauffahrt noch auf die dunklen Quellwolken in unserem Rücken und das sonnige Blau auf der Seite unserer Abfahrt, prallten nur Minuten später golfballdicke Hagelkörner auf unsere Helme und unversehens klammerten wir uns an die rar gesäten Bäume, um keine blauen Flecken zu bekommen. Gemeinsam mit dem abfließenden Wasser flossen wir in das nächste Dorf, um uns vor Hagel, Regen, Blitz und Donner zu verkriechen, hört der ganze Spaß auch schon wieder auf und nur noch ein doppelter Regenbogen und mäandrierende Flussläufe auf den Wegen zeugen davon, dass es hier soeben geregnet haben könnte. Der Himmel ist strahlend blau, die Luft klar und erfrischt und frei von Staub. Das schlammige Wasser hat in null komma nix die Bremsbeläge aufgefuttert und nach einer kurzen Werkstatteinlage bremsen wir uns langsam trocknend ins Tal hinab. Auf guten Straßen mit angenehm wenig Verkehr windet sich hier die Hauptverkehrsachse zwischen Georgien, Armenien und Iran, noch einmal auf über 2.500 m.ü.n.N. hinauf, und schon rasen wir Richtung Iran.

Wärmer wird es, immer wärmer, und trockener, und immer weniger Bäume und Vegetation; deutlich vor dem geplanten Einreisedatum stehen wir freundlich lächelnd an der armenisch-iranischen Grenze, beantworten alle Fragen gewissenhaft, lassen unser Gepäck durchleuchten und halten uns mit unseren Meinungen bezüglich Grenzen und Nationalstaaten höflich zurück, man will ja schließlich einreisen. Die ersten Kilometer hinter der Grenze erwartet uns eine ziemlich menschenleere, wüstenartige, windige Berglandschaft. Inmitten staubtrockener Flussbetten stehen dann gen Abend ein paar Bäume und plätschert eine Wasserstelle. In der untergehenden Sonne erklimmen wir die Äste der Maulbeerbäume, färben unsere Finger und Gesichter blau und füllen unsere Mägen mit süßen Beeren und kaltem, klarem Wasser.

In den kommenden Tagen werden wir immer wieder eingeladen, aus Autos heraus mit kalten Getränken und Früchten versorgt, begrüßt, willkommen geheißen, bestaunt, und bilden das Beiwerk unzähliger Instagram-Posts. Wir bekommen Schlafplätze gezeigt, Wasser, Tee und Essen gereicht und wenn wir bei einer Bäckerei für das duftende, leckere Fladenbrot anstehen, schaffen wir es nur jedes zweite Mal auch dafür zu bezahlen, denn schließlich sind wir ja Gäste und Gäste lädt man ein. Selbst nahc mehrmaligem, bedankendem Ablehnen der Einladung, insistieren die Menschen darauf uns als ihre Gäste zu wissen. In Ardabil werden wir quer durch die Stadt eskortiert, zum Essen eingeladen, zum Kaffee eingeladen, bekommen ein familiäres Dach über dem Kopf, finden Freund*Innen. Es ist ermutigend, welch offenherzige, großartige Menschen in einem Land gedeihen, in welchem Frauen dem Gesetz nach nur den sexuellen Bedürfnissen des Mannes zu dienen haben und Gegenstimmen diskreditiert und eingesperrt werden. Ermutigend einerseits, erdrückend für die Menschen, die nach Freiheit und Selbstbestimmung streben. Diese Gastfreundschaft ist überwältigend und beschämend, wenn wir bedenken, wie mit Menschen in Deutschland umgegangen wird, die nicht den käsig-kartoffeligen Look verkörpern.

Vollgestopft mit gold-rot schimmernden Aprikosen, leckerem, fluffigem Reis, und allerlei sonstiger Köstlichkeiten radeln wir in dem kommenden Tagen am kaspischen Meer entlang, erklimmen noch einmal die bergige nördlich von Tehran, und über Isfahan und die quer durch die Wüste nach Mashhad, aber dazu ein anderes Mal.  Inshallah.

 

 

 

3 Antworten auf Cycling the morning sun smile part 03: Rauf und Runter

  • luk

    nice!! sind heute mit ecotopia biketour in bure angekommen; haben ein wenig probleme mit uneinsichtgen machos in der gruppe ansonsten sind wir ne super crew von 30 leuten; Eure bilder sehen klasse aus, manchmal vermisse ich hier die exotik.. ich wuensch euch weiterhin ne gute fahrt! GOOD BIKE!

  • Happy Homeless Hippie
    Happy Homeless Hippie

    hey hey du, schön von dir zu hören
    Ihr fahrt durch die Berge, wunderschön.
    Bure super! Bin dort mal vor ewigkeiten lang gekommen, auf container suche… konnte keinen finden. also Umweg über die französishce Seite. und der erste Supermarkt hatte pralle Tonnen. frische bananen bei schneeregen.
    ach ja, lang ists her. gerade sitzen wir bei 38°C in Kashan und planschen mit freunden im pool ;)
    Ja ja ggod bike, I like cycling!

  • Wow!
    Ich bin wieder mal wirklich beeindruckt von deinen und euren Erlebnissen und Geschichten!!! Hab heute zwei Stunden euren Blog​ genossen
    Ich wünsche euch weiterhin gute Reisen, Erlebnisse, und und und…, vielleicht werde ich bald ebenfalls von meinen Reisen (demnächst mit Ayuhasca, Perú, Amazonas…), ja davon berichten können… Ich wünsche mir dabei ebenso gute Schriftstellerische Fähigkeiten wie du sie hast! Ja wirklich! Du schreibst wunderschön! Ich würde deine Bücher weiterempfehlen! Romane, Dokumentare, esseys, Märchen…, was auch immer du schreibst, das Zeug ist ein Super Stoff mit suchtpotenzial! Und liefert, mit den Bildern und Videos hervorragende Ingredienzien für weitere Filme…., und und und!
    Namaste & all the best!
    Mauricio

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