Cycling the morning sun smile part 04: Geschichten vom Wind und andere Ereignisse

Alles einsteigen! Wir fahren jetzt Zeitmaschine.

Die Taschen sind voll mit Münzen, schließlich wollen wir nicht nur ein paar Tage zurückreisen. Aber der Automat schluckt zum Glück alles. Zerbeulte Rial, glänzende Som, stinkende Euro und staubige Somoni; Währungen und Beträge aller Art wandern in den Automaten, dass er sich nur so freut. Die letzte Münze noch einmal mit viel Demut an der Fläche neben dem Münzeinwurf gerieben, durchatmen, Augen schließen, die Münze fällt in das Tief der Maschine, es klackert und rumort und das befürchtete, helle Klingen der Münze, die wieder in das Münzrückgabefach fällt bleibt aus. Los geht’s.
Die kirgisische Herbsteskälte wird langsam wärmer, Häuser und Autos verschwinden, letzte kyrillische Buchstaben flackern noch vor dem inneren Auge. Geräusche kulminieren und finden zusammen in dem schrillen Schleifton einer zurückspulenden Videokasette. Flugzeuge begeben sich mit dem Heck zuerst in die Luft, schwitzige Radler*Innen schießen stromlinienförmig und mühelos den Berg hinauf, die Sonne begrüßt mit spektakulären Farben den Beginn des Tages aus Westen, irgendwo in Europa rückt alles langsam gen links und die Hoffnung auf ein besseres Morgen wächst, tote Augen öffnen sich und erblicken müde das Licht der Welt. Die Szenen verschwimmen, der Film spult schneller und kommt abrupt zum stehen. Feuchtwarm befinden wir uns dort, wo sich der Körper beim letzten Mal dematarialisierte und zerfloss. Ein träges *schrappschrapp* eines deutlich bemühten Deckenventilators ist zu Hören. So, das Ganze nun vorwärts, aber eins nach dem Anderen.

Die schwüle Hitze des kaspischen Meeres ist erdrückend – der Himmel ist wolkenverhangen und wirkt wie eine Käseglocke – , die Küstenstraße eine Hauptverkehrsachse und demtentsprechend viel befahren. Es gibt einen ausreichend großzügigen Standstreifen, dennoch wird der Lärm der vorbeirauschenden zum ständigen Begleiter und bald zu einem sonoren Summen im linken Ohr. Die Freude über die lange, flache Straße weicht schnell der Ernüchterung. Also immer schön den Hals strecken, um in Gedanken durch die Reisfelder zu fahren, den Feigen beim Reifen zusehen, an Melonen vorbeirauschen, die immer größer und praller zu werden scheinen. Das obligatorische Bad bleibt trotz ausbleibendem Sonnenschein nicht aus. Es fährt sich einfach, zu einfach. Zwar befinden wir uns am Ende des Tages häufig schon im dreistelligen Bereich, was die Tageskilometer betrifft, wirklich gefordert fühlen wir uns nicht, da der Kopf meistens damit beschäftigt ist sich vom Lärm abzulenken. Dennoch genießen wir das „Meer“. Alles scheint vor saftigem Grün schier zu platzen und alle paar Kilometer fahren wir durch ein kleines Örtchen, mümmeln Brot, treffen riesenhafte Fahrräder, andere Radfahrende und durchtrainierte Bademeister (welcher sich dann doch leider als hirnloser Sexist herausstellt).

Kurz noch über einen Pass gehüpft, im Nebel geirrt, ein Haus besetzt, ein Tandem getroffen, ein Eis gegessen – wahrscheinlich mehrere, einen Erdrutsch umfahren, mit lieben Menschen die Mittagspausen verbracht, die Welt von unter einem Tarp her untergehen sehen, unfreiwillig umgezogen – auch mehrmals – und schon sind wir in Tehran!
Hier lernen wir zu tanzen und zu fließen. Wie beim Springen ins schwingende Seil ist der Tehraner Stadtverkehr. Eine Frage von Takt und Aufmerksamkeit, passt du nicht auf, schmettert er dich hemmungslos zu Boden – das Taxi hielt zum Glück rechtzeitig an und auch dem Fahrrad ist nicht viel passiert – aber ist der richtige Rhythmus erst einmal gefunden lichtet sich das Chaos und gibt einer ganz eigensinnigen Dynamik den Weg frei. Als radelnde Reisende sind wir ebenbürtige Teile dieses Verkehrs, weder wird uns besonders verziehen, noch wird uns besonders gegrollt, es ist ein Fließen und ein Tanzen und die Kunst ist nur im richtigen Moment den richtigen Weg zu finden und die kleine Lücke abzupassen. So springen wir von Botschaft zu Botschaft und zur Passpolizei und irren umher im Haus das Verrückte macht. Zum Glück sind alle anderen die wir treffen auch verrückt, so fällt es leicht das eigene Schicksal hinzunehmen und beim Versuch der Willkür des System zu entrinnen doch kläglich zu scheitern. Und irgendwann hat eine nette Frau diese zwei stinkenden, im Park schlafenden Radfahrer auch noch zum Abendessen eingeladen, na selbst schuld.
Die träge Masse von Körper und Geist, sowie ein platter Reifen verhindern die allzu frühmorgendliche Abfahrt aus Tehran. Endlich raus aus dem Molloch der Großstadt, wenn auch ihr eigenartiger Charme gemischte Gefühle hinterlässt. Immer schön bergauf und gegen den Wind, welcher den verheißungsvollen Duft von Müllverbrennungsanlagen trägt, tuckern wir aus Tehran raus und befinden uns hinter dem letzten Vorort in der Wüste. Der Verkehr wird ein bisschen weniger, zerfallene, sandige Lehmbauten mit Kuppeldächern erinnern an Tatooine, die Augen brennen vom Schweiß und Körper und Geist sehnen sich nach kaltem Wasser und Schatten. Der heiße Wind trocknet in windeseile – haha – die Kehle aus und alle paar Meter ist man wieder durstig. Naja, wer dann sein gutes Trinkwasser dafür verschwendet sich vollzuspritzen, um bei den Abfahrten angenehme Verdunstungskälte zu erleben darf dann auch nicht blöd gucken, wenn das Wasser ruckzuck leer ist. Dann drehen sich sämtliche Gedanken nur noch darum, wie schön es wäre einen Schluck Wasser zu haben. Kühl soll er sein und das erfrischendste was sich ein Mensch vorstellen kann. Und just in genau diesem Moment erscheint am Straßenrand ein Pool. Einmal Augen reiben: Just in genau diesem Moment erscheint an Straßenrand ein Pool… nochmal… just in genau diesem Moment erscheint am Straßenrand ein Pool. Also gut, die frage nach dem Warm stellt sich nicht, Klamotten aus und rein ins Vergnügen. Wir versuchen einen Teil der uns entgegenkommenden Gastfreundschaft und Großzügigkeit zurückzugeben und laden die planschenden LKW-Fahrer ein unsere – bereits geschenkte – Wassermelone zu teilen. Das wird natürlich abgelehnt, kurz darauf sitzen wir mit zwei weiteren geschenkten Wassermelonen im Pool, der im Übrigen aus Trinkwasser besteht und zur Bewässerung der angrenzenden Obstplantagen dient.
So schwappen wir weiter durch die Wüste und besuchen noch Mostafa, welchen wir in Tbilisi kennengelernt haben, verbringen schon wieder einen Tag am Pool, schlagen uns mit der Hinterlistigkeit des Taarof rum und hören iranische Musik.

Die Nachrichten erzählen was vom heißesten Sommer in Iran seit Aufzeichnung, die Kraftwerke kommen kaum hinterher den Strom für die ganzen Klimaanlagen zu produzieren. Der Asphalt schimmert in der Sonne, die Luft verwirbelt, das geradeaus des Blickes wird durchbrochen. Das Thermometer verkündet außen an der Tasche hängend stolz: 45°C ! (Der Wert ist frei erfunden, ich kann mich nicht mehr dran erinnern, aber irgendwo um den Wert herum wird es gewesen sein). Solange wir radeln ist alles gut, der Wind kühlt, auch wenn der ständige Gegenwind das strampeln schwerer macht. Eines Tages dreht sich der Wind und pustet uns bis nach Isfahan. Und wieder brauchen wir nur wenige Augenblicke in einem Park rumgammeln, schon werden wir wieder eingeladen die Nacht zu verbringen, einen Tee zu trinken, etwas zu essen. Einen Berg von Früchten in uns reinstopfend müssen wir leider verneinen, schließlich haben wir uns schon im voraus um einen Schlafplatz via Warmshowers gekümmert. Die kommenden Tage verbringen wir mit Reza, seinem Bruder und seinen Eltern. Hier herrscht ein treibiges Kommen und Gehen von Radfahrenden aus aller Welt und Reza ist schon fast professionell im Gäste beherbergen. Wir verbringen die angenehmen Morgenstunden, indem wir durch die Stadt streunern und eigentlich immer wieder am Bazaar und am Naqsch-e-Dschahan-Platz landen. Mittags flüchten wir ermattet in die künstliche Kühle unserer Behausung und wagen uns erst wieder raus, wenn die Sonne schon fast untergegangen ist, die Nächte verbringen wir umgeben vom sanften Tönen der kleinen Großstadt auf dem Dach des Mehrfamilienhauses. Esfahan strahlt trotz seiner Größe und seiner touristischen Attraktivität eine gemütliche und einladende Ruhe aus. Überall befinden sich Parks und überall fahren Menschen Fahrrad. Entgegen dem patriachalem Gebot, welches Frauen untersagt Fahrrad zu fahren (oder in der Öffentlichkeit zu singen) , treffen wir auch radelnde Frauen. Wir nutzen die Ruhe, schrauben an unseren Rädern und ich bastele mir noch eine Thermoflasche an den Rahmen, um künftig in der Wüste eiskaltes Wasser schlürfen zu können.

So gerade eben entgehen wir noch der Versackungsgefahr und können uns losreissen. Reza hat uns noch eine Straße empfohlen und so beschließen wir noch einen Schlenker über Yazd und durch die Wüste zu fahren. In seiner Umgebung erscheint Esfahan ungewöhnlich grün und vital, Reihen von Gemüsefeldern säumen die Straße und sogar Reis wird hier angebaut. An diesem Abend werden wir von einer Gruppe Männer von unserem Schlafplatz der Wahl abgefangen und in deren Garten eingeladen. Unsicher stimmen wir zu und enden in einer pompösen Gartenfeier und einem Haufen postpubertärer Männer, die über sexistische Witze kichern. Meine Laune ist im Keller, mein Puls auf 180 und meine Sprachkenntnisse nicht ausreichend genug, um mich zu erklären. Also einfach von höflich bis bestimmend abwimmeln und ins Bett zurückziehen. Trotz der späten Nacht wollen wir früh aufbrechen, um den Ort so schnell es geht zu verlassen. Vollkommen übermüdet und mit Wut im Bauch fahren wir los, der Gegenwind und die Hitze feuern die schlechte Laune noch an. Mittags erreichen wir Varzaneh und all meinen Groll lasse ich an Andi aus, den ich damit anstecke. Vor uns liegt das Stück Wüste, von dem Reza uns erzählt hat. Mindestens 90km ohne Wasser, auf schlechter Straße. Wir wissen beide, dass wir heute nicht mehr los sollten, wir sind beide gereizt und trotzig. Ich sage: „Mir egal, wir fahren das jetzt einfach!“, Andi hat keine Lust mehr gegen meine Launen anzugehen. Also füllen wir alles was wir an Flaschen haben und machen uns auf den Weg. Die ersten Kilometer ist die Straße gut: flach und geteert und kein einziges Auto weit und breit. Irgendwann fängt der Gegenwind an und der feine, plane Asphalt wird zunehmend gröber. Dann steigt die Straße langsam an und wir quälen uns mit maximal 10km/h gegen den Wind. Die untergehende Sonne vertreibt zwar die Hitze, verheißt aber auch nichts Gutes, da Varzaneh bereits 4 Stunden hinter uns liegt und der nächste Ort noch mindestens 35km entfernt ist. Achja und wir halten alle 2km an, weil unsere Reifen platt sind und wir zu müde, zu faul, zu trotzig diese zu flicken. Dann lieber immer wieder pumpen. Immerhin haben wir angefangen zu reden, darüber wie es uns geht und warum es uns geht wie es uns geht, und das tut gut und hebt die Stimmung, kann auch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass wir gerade mit noch 2l Trinkwasser mitten im Nirgendwo stehen. Diesmal gibt es keine nicht auf der Karte eingetragenen Siedlungen, kein unerwarteter Pool am Wegesrand. Im letzten Licht der Sonne halten wir ein entgegenkommendes Auto an und fragen nach Wasser. Aus seiner Fahrerkabine holt er eine Plastikthermoflasche mit einem Liter eisgekühltem Trinkwasser. Mit dem Gefühl ihm sein letztes Trinkwasser genommen zu haben, füllen wir es um. Der Fahrer fragt, ob wir mehr brauchen und ungeduldig stimmen wir beide zu. So geht er unverzüglich zum hinteren Teil seines Fahrzeuges, dreht an einem Hahn und heraus sprudeln tausende Liter kalten, klaren Trinkwassers. Unglaublich dankbar füllen wir unseren leeren Flaschen, füllen unsere Bäuche und können ihm gar nicht genug sagen, wie dankbar wir ihm sind. Mit dem letzten bisschen Luft in den Reifen fahren wir noch bis zu einer Straßenunterführung, schlagen unser Zelt zum Schutz gegen Skorpione auf, Andi bringt von irgendwoher noch die Kraft auf zu Kochen und dann fallen wir in einen kraftlosen, erholsamen Schlaf.

So haben wir eine Lektion gelernt, fahren weiter gegen den Wind gen Südost und erreichen bald darauf Yazd.

 

to be continued…

 

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