Durch die Heide ins Gängeviertel

Nachdem sich in letzter Zeit die Begegnungen mit netten Menschen aus dem Norden (Dänemark und Norddeutschland) auffallend gehäuft haben und ich auch wiederholt von Projekten hörte die toll sein sollen, habe ich beschlossen, dass dies Anlass genug sei um diese Gegend und ihre Bewohner mal von Nahem zu untersuchen. Und da mich Autos in letzter Zeit immer mehr nerven, fiel die Wahl des Transportmittels aufs Rad. Ich habe allerdings geschummelt, hab meinen Drahtesel in so einen Bus gepackt und mich bis nach Celle kutschieren lassen. Nach diversen Quälereien (spontaner Fahrtausfall, verwirrte E-Mails – die angebotene Ausweichmöglichkeit war am 16. März 2015, vor 4 Monaten!!, Verspätung usw) hab ich es letzten Endes tatsächlich geschafft Nürnberg zu verlassen! (und in Celle anzukommen.)

Celle, kleine Gasse hinter der Kirche

Celle, kleine Gasse hinter der Kirche

Celle? Warum Celle? Aline ist dort am Schlosstheater und organisiert die Jugend- und Kindergruppen. Habe sie ein paar Tage besucht (Inga war am ersten Abend auch noch da!) und das schmucke Städtchen erforscht (extrem viele kleine schnuckelige Fachwerkhäuser mit Goldschrift drauf gabs) und bin in den Wiesen im Umland rumgefahren. Das kulturelle Leben besteht zu quasi 100% aus Theater, es scheint auch der einzige Grund zu sein, warum junge Leute in diese Stadt kommen. 2 Stücke vom Nachwuchstheater hab ich gesehn, die waren gut.
War außerdem im Museum. Total langweilig, größtenteils. Nichtssagende einfarbige Skulpturen aus Plastik oder irgendwelche unspektakulären gezeichneten Wiesen. Das Interessanteste Werk in der Ausstellung war ein Gerät, dass Feuchtigkeit & Temperatur (glaub ich) im Raum gemessen hat und auf eine Papierolle aufgezeichnet hat, wie ein Seismograph. Nur war das leider nicht als Kunst gedacht… Die Sonderausstellung dagegen hat mich völlig umgeblasen!! Peter Basseler baut super absurde Situationen in Kästen. Bestimmt 20 dieser Kästen mit völlig abgedrehten Momentaufnahmen waren da zu sehen. Ein Typ der mit einem ferngesteuerten Kran ein Krokodil in blauen Lack taucht zum Bespiel. Und immer wieder gabs eine kleine Geschichte dazu. War selten so glücklich beim Betrachten von „Kunst“!

Ich saß auf einer Mauer und habe dieses Haus gezeichnet als plötzlich ein lautes Krähengekrächze von irgendwo herkam. Krähen waren keine zu sehen. Nur ein alter Mann lief die Gasse entlang. Später dann nochmal, wieder kein Vogel aber wieder der alte Mann. Was ich da mache, fragte er mich und krächzte schrill. Ich „Ich zeichne das Haus. Interessante Geräusche machen sie da!“ – „Nein, nein, das sind die Vögel auf den Dächern! Krächz!“, sagte er und ging. Seltsame Begegnung…

Habe mich dann auf den Weg gemacht in Richtung Hamburg. Einen Zwischenstop konnte ich bei Familie Feierabend machen, habe sie über BeWelcome gefunden. Als Gastgeschenk gabs eine Zeichnung:

Danke für Bett und Essen!

Danke für Bett und Essen!

Etappe 2: von Schneverdingen (nicht eingezeichnet) nach Lüneburg. Etappe 1 war Celle - Schneverdingen.

Etappe 2: von Schneverdingen (nicht eingezeichnet) nach Lüneburg. Etappe 1 war Celle – Schneverdingen.

Ich hatte mir eine Karte besorgt für die Gegend aber auf dem Weg nach Lüneburg bin ich aus der Karte rausgefahren. Machte mir also eine Skizze nach Openstreetmap. Hat erstaunlich gut funktioniert! Ich bin den Rest der Reise bei dieser Methodik geblieben.

Dann gings nach Lüneburg, bin bei Maike untergekommen. Backsteine en masse. (diese sollten mich auch noch den Rest meiner Reise begleiten) Wir waren auf dem einzigen Berg um die Aussicht zu genießen. Man konnte absurde Geräusche hören. Wir mutmaßten, es wären brüllende Löwen bei einer Zirkusprobe…

Diese Backsteinwürste um die Fenster zeigten früher den Reichtum des Bewohners. Je mehr, desto besser...

Diese Backsteinwürste um die Fenster zeigten früher den Reichtum des Bewohners. Je mehr, desto besser… Hat mir Maike erzählt.

Etappe 3: Die Fahrt von Lüneburg nach Hamburg an der Ilmenau und an der Elbe entlang war wunderschön! Auf der Elbe-Insel, auf die man mit der Fähre übersetzen musste, schmiegen sich die Dörfer an den Deich. Überall Grün und Wasser. Aber irgendwie gibts zu schöner Natur nicht viel zu sagen. Zumindest nicht für mich…

Lolli-Bild

Lolli-Bild

Nach einer Woche Kleinstadt und Natur war es dann ein Schock nach Hamburg reinzufahren. Überall gläserne Hochhäuser und riesige Straßen mit massig Autos. Habe das Gängeviertel, mein Ziel in HH auf den zweiten Anlauf gefunden. Beim ersten mal bin dran vorbeigefahren, weil ich nicht glauben konnte, dass es mitten zwischen diesen Bürotürmen sein könnte. Aber doch, es ist dort, eine Insel des Lebens im Meer dieser Sterilität. Das Gängeviertel sind ein paar alte Klinkerbauten, die eigentlich hätten abgerissen werden sollen damit die Lücke zwischen den Glas-Stahl-Beton-Fassanden geschlossen werden konnte. Irgendwie waren da aber noch Leute die eine andere Idee hatten, was man mit diesem Platz machen könnte. Sie haben undercover ein Kulturfest geplant, dass in den Gebäuden dann stattfand. Und danach sind sie geblieben. Gut gemacht! Von 21. bis 23. August feiert das Gängeviertel seinen 6. Geburtstag. Unbedingt hingehen, wer die Möglichkeit hat, ist ein toller Ort!

Plenum in der Schier's Passage

Plenum in der Schier’s Passage

In & vor der Teebutze lässt es sich hervorragend herumlümmeln, dazu in einem der ausliegenden Comics blättern und die exklusivsten Teesorten probieren. Hab hier auch schon für die Wilde Ziege geworben! Die Vorführung des Kinokabarets im Hof hat mich total überwältigt! Viele der rund 20 gezeigten Kurzfilme waren genial! Insgesamt war es einfach toll in diesem halb öffentlichen Raum rumzuhängen. Wie ein Wohnzimmer im Freien, in das aber doch jedeR gehen kann, die Lust hat.

Gleich am Abend meiner Ankunft war die Gängeviertel-Hauptversammlung. Ich durfte dem Treffen beiwohnen und hab es gezeichnet. Es war sehr interessant so einen Einblick in den Alltag dieses Projekts zu bekommen. Wie die Menschen miteinander umgehen, wie sie versuchen die enormen Aufgaben zu stemmen, die sich ihnen stellen. Der stetige Kampf mit der Bürokratie ist aufreibend. Die KünstlerInnen haben sich mit den Jahren zu Politikexperten entwickelt, die AktivistInnen sind zu Renovierungsfachkräften geworden, die Punks haben sich zu BaurechtsspezialistInnen gemausert, die Hippies wurden Buchhaltungs- und Fördergeldbeauftragte… Doch wenn man sich soviel mit dem System auseinander setzt, zu dem man eigentlich eine radikale Alternative bieten möchte, muss man aufpassen sich nicht langsam doch dessen Muster anzueignen. Und doch funktioniert am Ende ja nichts ohne Kompromisse und Zugeständnisse. Und ehe man sich’s versieht, werden ehemals besetzte Häuser von einer Firma renoviert und danach vermietet. Zwar an die alten Bewohner und zu wesentlich günstigeren Mieten als in Hamburg üblich aber trotzdem wieder so wie es sich gehört, mit Vertrag und so. Die Alternative: die alten Bauten werden als einsturzgefährdet eingestuft und es kommt eine Polizei-Armee um die Menschen raus zu jagen.
Ich finde es sehr bemerkenswert, was diese Menschen für einen tollen, vielfältigen Raum geschaffen haben, ein Platz an dem sich die Augen kaum satt sehen können und die Leute einfach mal machen was sie wollen. Und was sie tagtäglich für eine Verantwortung tragen, diesen Raum zu erhalten, für ihn zu kämpfen und versuchen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn wenn nichts passiert, verliert der Raum sofort seine Daseinsberechtigung. Traurig aber wahr.
(Das ist meine Einschätzung der Situation, nach der knappen Woche die ich dort war, keinerlei Garantie auf Richtigkeit von irgendwelchen Fakten!)

Es war wirklich sehr heiß in Hamburg... Rasensprenger gibt Abhilfe.

Es war wirklich sehr heiß in Hamburg… Rasensprenger gibt Abhilfe. Die Touristen, die durch die Passage gehen wollten waren teilweise etwas hilflos ob der spontanen „Bade“-Aktion. hihi

Insgesamt muss ich aber auch sagen, dass viele GängeviertlerInnen ein wenig verschlossen waren. Es war nicht so leicht, ein Teil dieser Gruppe zu werden. Wobei ja Offenheit eine der obersten Maxime des Projektes ist. Doch auch das ist absolut nachvollziehbar, wenn ich an die Massen an unterschiedlichen Leuten denke, die jeden Tag dort durchlaufen, wissen wollen, was dort los ist, Fotos machen und es toll finden. Und nie wieder kommen. Es ist einfach hart, immer wieder die selbe Geschichte erzählen zu müssen und dabei wie ein Zootier betrachtet zu werden. Wenn ich noch länger geblieben wäre, hätte ich wohl auch in die Gruppe reingefunden.

Zerovans Wohnzimmer, Mit seinen verschiedensten Gästen.

Zerovans (der Mann ganz links) Wohnzimmer, mit seinen verschiedensten Gästen. Die junge Frau ganz links ließ sich Schokolade auf der Hand schmelzen um sie dann abzuschlecken.

Bin ein bisschen um den Block gelaufen, die Gängeviertel-Umgebung erkunden, als ich vor einem der Neubauten eine Ansammlung an verschiedenen Gegenständen entdeckt habe. Es schien sich um so eine Art Tausch/Umsonstregal zu handeln. Wie immer auf der Suche nach interessanten Malgründen, habe ich ein Notizbuch mit arabischer Handschrift ergattert. Ich habe dann gleich diesen altarartigen Umsonstladen in das neue Buch gezeichnet. Nach 2 Minuten kam ein alter Mann herraus, stellte einen Korbstuhl zu den anderen Gegenständen, nahm mir das Buch ab und forderte mich auf, in sehr gebrochenem Deutsch, doch mit ihm einen Tee zu trinken. Nun gut, warum nicht?

Wir setzten uns auf seinen Balkon (der direkt hinter dem Umsonst-Altar ist) und sprachen über Politik und das Leben, soweit es möglich war. Er hatte soweit ich das beurteilen kann durchaus gute und interessante Ansichten und natürlich auch ganz andere Perspektiven. Ich glaube er kommt aus dem Iran und war gut 70 Jahre alt. Aber er hat mir auch versucht mir zu erklären, dass er Sex mit Lady Diana hatte…
Mit der Zeit fanden sich immer mehr Gäste ein, hauptsächlich orientalischer Herkunft und Zerovan servierte mehr Tee. Es gab auch einen anderen Deutschen der seine Wohnung räumen musste und sein ganzes Hab und Gut mit einem Roller zu Zerovan gebracht hat. Zerovan sammelt einfach alle Leute auf, die ein wenig vor seinem Aufbau innehalten. Seine Wohnung ist voll mit kleinen Erinnerungsstücken von all diesen Leuten. Es gab dann rege Unterhaltungen in englisch, deutsch und persisch(soweit ich das beurteilen kann) Ich habe so gut wie die gesamte Belegschaft portraitiert. Irgendwann wurden wir dann in die Küche gebeten. Es gab divers Zusammengewürfeltes, unter anderem einen halben Leib Schwarzbrot der direkt auf der Herdplatte getoastet wurde… hat nicht funktioniert. Ich wurde dann spaßeshalber mit dem jungen hübschen Mädel verlobt, die sich die Schoki in der Hand schmelzen ließ.(siehe Bild) Der Deutsche meinte, er wird jeden Abend verlobt.

Amir hat mir Fotos von der Zeichnung geschickt, die ich von ihm gemacht habe: (leider nicht die ganzen anderen…)

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Amir auf Zerovans Notizen (er ist Schriftsteller, dieser Zerovan)

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Etappe 4: Hatte dann genug von Hamburg und hab mich und mein Fahrrad in den Zug nach Bremen gepackt.

Up to come:

Teil 2: Von Bremen nach Dänemark

Teil 3: Makvärket und Kopenhagen

Karte

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