Durch wunderschöne Welten laufen

Loch, Stein, was auch immer. Jedes Auf beziehungsweise viel mehr das Ab schlägt mir in den Hintern. Eingezwängt zwischen Unmengen von Leuten und Gepäck, teilweise riesige Bündel irgendwas eingewickelt in Jurte oder Plastik. Der Kathmandu – Trisuli – Dhunche Highway (KTM – Dhunche 117km, 9 Stunden) ist seid Trisuli unbefestigt und ich versuche vergeblich meine Regenjacke zwischen meinen Hintern und das Gitter unter mir zu quetschen.

Ich versuche ich mich in Richtung meines Rucksacks zu der Wasserflasche durchzuwühlen. Mein Bein aus der geknickt verwinkelten Lage zwischen mir und der Außenwand des Dachgepäckträgers zu befreien ist noch relativ einfach, aber die eineinhalb Meter zwischen mir und dem Rucksack scheinen unüberwindbar. Bei der endgültigen Entscheidung doch nichts zu trinken hilft mir allerdings der nette Herr, der mein Gepäck mit seinem schlafenden Oberkörper bedeckt.

Die Straße bohrt sich ihren Weg am steil abfallenden Hang entlang. In Schrittgeschwindigkeit über den unebenen Holperhighway schaukelnd. Bei jedem Stein hievt es den vollen Bus seitlich hoch. Ich sitze, mit meinen Beinen in Richtung Tal hängend, seitlich zur Fahrtrichtung. Immer einen Meter hin und her schwankend, zurück und wieder vor, mit weitem Ausblick nach unten.

Die Bäume sind mit Moos bekleidet und von Flechten geschmückt. Stufe um Stufe kleben sich die mit nassem Laub gepflasterten Pfade in meine müden Beine. 1300 Meter höher als Syabrubesi versucht mich ein zu großer Rucksack zu verspeisen. Ich lege ihn lieber ab, er knurrt schon.

Der Fluss haut auf die Steine. Mit endloser Penetranz formt er sich ein Bett, formt alles rund. Meines ist in der Riverside Lodge. Mein Rucksack schläft, ich esse Dal Bhat. Ich mag Dal Bhat ich esse es immer. Ein paar Träger und eine Rettungsmannschaft essen auch. Die Satellitenschüssel, die auf seinem Rücken hing, steht draußen im Regen. Den guten Rettungsleuten schenke ich einen Liter Raksi. Meine Beine beschwerten sich über das zusätzliche Gewicht.

Von der Lodge zieht sich der Pfad immer höher durch das moosbewachsene Grün. Bei Ghora Tabela (2970) öffnet sich die enge bizarre Mooswelt in ein sanftes breites Tal, dass hoch von dunklen Zacken überragt ist. Sich kreuzende Geröllmauern durchziehen die Landschaft, begrenzen die Felder. Vereinzelnd leer stehende Hütten, aus Geröll eingebettet in ihre Umgebung. Leider alle ohne Dach. Der Weg verläuft flach durch die helle Landschaft. Vorbei an Chorten und Manimauern.

In der Nähe von Gumbha (3420) füllt mich eine nette Familie mit Dal Bhat. In einem kleinen Dorf oberhalb des Weges. Häuser, wie bewohnte Steine in die sie umgebende Landschaft gelegt. Verwinkelte Pfade und endlich keine Lodge, schön.

Das Dorf Langtang sollte nach 660 Höhenmetern eigentlich mein heutiges Ziel sein, aber es ist mir noch zu früh. Mit endlosen Pausen, sehr keinen Schritten, und der Hoffnung, dass die Zeit schneller ist als die Höhenmeter versuche ich so langsam wie mir möglich zu laufen. In Langtang treffe ich, am Ende des Dorfes, auf einen Geburtstag, der sich sehr über das zwei löchrige Bambusrohr freut, das außen auf meinen Rucksack gespannt ist. Ich teile, und sie füttern mich mit Chang (Reiswein). Ein Segen für mein verlangsamtes Laufen, durch die kontrastreiche Welt der hellen bunten Farben. Im Wind flatternde Farben, die von jedem kleinerem Hoch ihre Mantras in den Wind pusten. Farben, die über die Sanften Hügel fließen, sie grün anmalen. Eingegrenzt von den Zacken, am Rand des Tals, die mit jedem Schritt höher werden, reihen sich wie die Ränder konzentrischer Kreise, wie überlappende Dimensionen, durch meinen müden Tunnelblick. Entlang an Manimauern, die im Weg auf gefädelt sind wie heilige Leitplanken und dem Weg, im Uhrzeigersinn, eine Richtung zuweisen.

Zwei Dörfer hinter Langtang, in Sundun (ca. 3500), bleibe ich schließlich stehen. Das letzte Dorf vor Gyanjin. Verwinkelte Gassen, die sich um die zweistöckigen Häuser kreuzen. Umgeben von grasenden Yaks und den Geröllformationen der Felder. Das untere Stockwerk dient meist als Stall und das Obere als Wohnraum. Anstelle der geschlossenen Lodge (Nebensaison) nimmt mich Peema und ihr kleiner Sohn auf. Über dem kleinen offenen Feuer, im großen Einzimmer-Wohn-Stockwerk, kocht sie Dal Bhat. Der Rauch legt sich, immer dicker werdend, in den freien Raum unter dem schwarz verrußten Dach, um langsam nach draußen zu ziehen. Ihre Mutter knetet mit ihrem Enkel kleine Yaks aus Tsampa.

Eine Toilette haben sie leider nicht. Mir ist kalt, ich trage Flip Flops und ein T-shirt. Mit einem Krug Wasser wirre ich relativ ziellos aus dem Dorf. Es ist ca. zwei Uhr Nachts und die Nebelschwaden umhüllen mich beim erleichternden Hocken

Ab heute ist ein großes Fest in Gyanjin Gompa. Welches verstehe ich leider nicht, aber Peema ist ziemlich aufgeregt. Das ‚alljährliche Vollmondfest‘. So viel habe ich verstanden, wenn auch ohne Sinn.

Gegen sieben laufe ich los, die letzten 360 Meter hoch nach Gyanjin, ca. zwei Stunden. Ich mache mir Gedanken, was ich mit dem Tag anstellen soll. Vorbei an den immer wieder kehrenden Manimauern, den friedlich grasenden Yaks und wasserbetriebenen Gebetsmühlen. Die umgebenden Berge tragen weiße Mützen, die in der Morgensonne strahlend glitzern. Gegen elf will ich da sein, da mich Peema für zwölf ins Kloster eingeladen hat. Dementsprechend laufe ich nicht viel zwischen den Pausen. Nicht weit von Sundun, neben einer riesig ratternden wasserbetriebenen Gebetsmühle, holen mich Peema, ihr Sohn und ihre Mutter ein. Schwer beladen, in den Dokos (mit der Stirn, auf dem Rücken getragene Körbe) sind riesige Messingtöpfe und haufenweise Kleinkram. Vorne trägt sie zusätzlich einen kleinen Rucksack. Wir machen zusammen Pause und sie beschwert sich über die beschwerende Last. Ich biete ihr an den Rucksack nach Gyanjin zu bringen. Freudig übergibt sie mir das kleine Ding, die unerwartete Last. Meine Arme schwingen mit dem zu leicht aussehenden Rucksack in Richtung Boden. Auf geschnallt auf meinen eigenen drückt es mich die nächsten eineinhalb Stunden in den Weg.

Was das denn eigentlich ist, versuche ich ihre Mutter, angekommen in Gyanjin zu fragen.
„Juice“ antwortet sie kurz mit einem selbstverständlichen Ausdruck.
„Klar Saft, was auch sonst“ entgegne ich ihr lachend. Sie grinst nickend.

Gyanjin besteht aus einem Haufen von ca. 20 Lodges, einer Käserei und einem kleinen Kloster, das eingehüllt in die ausgefransten, im Wind flatternden Fahnen gehüllt ist. Der Blick in alle Richtungen, unbeschreiblich fliegend durch die, in der hohen Sonne strahlenden Welt. Schneebedeckte Gipfel, vereiste Zungen, die vom Lirung und dem Kimshung aus, die Flanken der Berge nördlich des Klosters ablecken. Leerstehenden Geröllhütten der Yakhirten umgeben das Kloster. Kleine Bäche ziehen sich schlängelnd zwischen ihnen entlang. Gelb blühende Blumen schauen in den Himmel. Unendliche Dimensionen, die sich in all ihren Farben übereinander falten. Bäche, Blumen, Blüten, der Wind in den Fahnen überragt vom 7246m hohen Langtang Lirung und schleiernde Wolken, die die dünne Luft durchwandern. Die Hütten gehen mit der steinigen Landschaft in ein fast unwirkliches Gemälde über. Riesige graue Brocken, kantig, ziellos aneinander gestapelt. Durchbrochen von den Bachläufen und den leuchtenden Blumen.

Das ‚Dorf‘ unter der kleinen Klosterlandschaft ist bescheiden in seiner Schönheit. Es bietet viel. Versucht viel zu bieten, doch bietet es nichts. Es bietet Mars, Snickers und Toilettenpapier. Porridge und Pizza. Versucht eine Touristenidylle innerhalb der vier Wände einer beheizten Lodge zu erschaffen. Erschafft ein simples Abbild auf knapp viertausend Meter, so gut es geht. Jedes Haus mit ähnlicher Aufschrift, eine Ansammlung aus unkreativen Namen, ‚Top view‘, ‚Mountain view‘, ‚Langtang view’… . Nebensaison, eine einzelne Lodge ist geöffnet. Ein Bett für 200 Rupien und das einfache Dal Bhat kostet 300. Meine Frage nach Discount erwidert von „No, no discount. Why? This is the only open lodge.“

Ich laufe ich zu den beiden Gletschern nördlich des Klosters. Um das Kloster flattern Gebetsfahnen, gespannt über riesige Felsbrocken. Peemas Mutter kommt auf mich zu. Freut sich mich zu sehen, bedankt sich noch mal für den Saft und sagt ich käme zur besten Zeit. Das Essen ist fertig und dann geht die Zeremonie weiter. Morgen wird ausschließlich gebetet. Kein Gerede, nichts zum Essen, om mani padme hum. Sie drückt mir eine ihrer Thermoskannen in die Hand, die ich mit hoch tragen soll, danach soll ich rein gehen, mitmachen, einen Tee bekäme ich gebracht.

Der Geruch des Räucherwerks schwimmt mit der Monotonie der Gebete in dem alten Kloster herum. Die Wände sind mit verblassten Malereien geschmückt. Abschnitte aus Siddharthas (Buddha) Leben. Wege zur Erleuchtung, die langsam von der Wand blättern. Ich setze mich auf den krumm verzogenen Holzboden. Peema verteilt gesüßten Yakmilchtee und kommt sofort zu mir, als sich mich bemerkt. Einen, noch einen.

Die Leute sind fröhlich und nutzen den letzten Tag an dem sie reden und essen. Die meisten sind ältere Frauen. Nur wenige jüngere und fast keine Männer. Peemas (sie ist 25) Mann lebt mit ihrer älteren Tochter in Kathmandu, um ihr die Schule zu ermöglichen. Bei den meisten anderen Familien werden es ähnliche Gründe sein. Im gesamten Tal gibt es eine Schule, in Langtang. Um diese mit Peemas Worten zu beschreiben: „One school No good school, big big Problem. Yes very big!“

Mehrere riesige Töpfe werden in das Kloster getragen und in die Mitte, vor die vielen flackernden Butterlampen gestellt. Der dunkle Raum, gefüllt mit der schweren umher kreisenden Stimmung der monotonen Gesänge, verwandelt sich in eine Kantine. Dal Bhat Takari, dazu Chapatis.

Kurz vorm Platzen kommt immer noch irgendwo her ein neuer Löffel, der neuen Reis auf meinen Teller wirft. Ich mag Reis, bin aber voll. Nach dem Essen geht die Zeremonie weiter. Die Gesänge, das Gemurmel der Leute. Das leise aber unaufhörliche Rattern der Gebetstrommeln. Alles geht in ein großes brummendes Ganzes über. Hin und wieder zerschlagen von dem plötzlichen Einsetzen der Trommeln, den langen Tröten und der Muscheln. Eine Frau nimmt einen Schluck Wasser, spült sich den Mund aus und spuckt in eine krumme Fuge. Alle machen das, ab und an. Eine Schale mit räuchernder Glut wird umhergetragen und verqualmt den Raum. Jeder versucht sich, beim Vorbeitragen der Schale, den dichten Rauch zu zu wedeln und die Malas (Gebetsschnüre mit 108 Perlen) kurz in den Rauch zu halten. Ständig werden gesalzener Yakbuttertee, gesüßter Yakmilchtee, Tsampa und Yakbutter, in Finger großen Stücken, gereicht. Mein Reis und Linsen gewöhnter Magen kann mit den vielen Butterklumpen nicht viel anfangen und ich weiß nicht, wie ich es ihnen klar machen soll, dass wenn ein ‚Nein‘ nicht gilt sich mein gesamtes Inneres bald im Raum verteilen wird und laufe deshalb lieber ein bisschen draußen umher.

Wieder zurück begegne ich den Geburtstagsleuten aus Langtang. Sie freuen sich und schnorren bei Gelegenheit gleich weiter. Draußen bleibe ich aber nicht lange. Wenn ich die Chance habe das Fest mit zu erleben zu können, sollte ich sie auch nutzen. Die Langeweile der stundenlangen Monotonie hin oder her. Drinnen sitze ich weit vorne, direkt neben einem alten Mann in einem langen blauen Gewand, seine Gebetstrommel rotiert klappernd zwischen uns.
„How long you are Gyanjin? Om mani padme hum.“
„I don’t know, maybe two days.“
„Longer. Om mani padme hum. You stay longer, long time, choose woman. Om mani padme hum.“ Sein Arm schwingt zeigend auf die Reihe alten Frauen, die im Schneidersitz, eingewickelt in Decken, ihre Mantras rezitieren. „Nice Woman in Langtang. Om mani padme hum“ Er lässt sich lachend zurückfallen. Seine Gebetstrommel bleibt gerade und rotiert in ihrem Rhythmus weiter. „All good, now choose. Om mani padme hum.“ Er lacht, genau wie die Reihe der Omis.

Abends esse ich zusammen mit Peema und den anderen lieben helfenden Leuten zusammen in der Küche. Einer kleinen, typischen, aus Geröll errichteten Hütte. Auf beiden Seiten brennt zum Kochen (jetzt gerade nur Tee) ein Feuer und der Rauch zieht durch das undichte Dach ab. Zum Essen gibt es dasselbe wie Mittags nur kalt.

Gegen halb acht breite ich meinen Schlafsack im gut belüfteten Vorraum des Klosters aus. Viele Schuhe, zwei Große Gebetsmühlen, die bei jeder Umdrehung eine Glocke anschlagen und eine ziemlich offene Außenwand. Ich bekam auch das Angebot direkt im Kloster zu schlafen, aber das hätte wahrscheinlich bedeutet den nächsten Tag ohne Essen, Trinken oder Reden verbringen zu müssen. Und in der Küche, dem anderen Schlafplatzangebot, hätte ich nur irgendwem den Platz weggenommen.

Die Nacht ist um Punkt drei vorbei und die Betenden nehmen ihren Mantramarathon auf. Ein warmes Geräusch, gebildet aus den vielen durcheinander Rezitierten Stimmen. Ich sitze im Schneidersitz, wie auch alle anderen, auf dem Boden. Einige fallen in der tiefen Monotonie zurück in den Schlaf, aber werden immer rechtzeitig geweckt, wenn die Räucherschale umher geht. Ein ewiger Kreislauf, hoch und runter, durchbrochen von Trommeln und Tröten.

Plötzlich stehen alle auf, beten, falten ihre Hände über dem Kopf, vor dem Gesicht und vor der Brust. Rezitieren dabei weiter ihre Mantras, öffnen die gefalteten Hände und schmeißen sich zu Boden. Die vier, die sonst auf einer Matte, höher sitzen als die anderen, haben den größten Platz in der Mitte. Sie schmeißen sich mit der gesamten Körperlänge hin. Immer wieder, der ganze Saal hat keinen Rhythmus, alle haben ihren eigenen. Ich kann weder raus noch einfach sitzen bleiben, so schließe ich mich an. Mit dem tröstenden Gedanken, dass der Buddhismus wenigstens keinen Gott anbetet. Aufstehen, hinschmeißen, immer wieder dasselbe. Aufstehen, hinschmeißen, über eine Stunde. Ich mache mir Gedanken über das Rezitieren, den ständigen Kreislauf, die ewige Monotonie. „Klingt nach Studieren“ denke ich mir und wünsche meiner Schwester viele schöne Grüße. Wenn ich schon nicht an eine höhere Kraft glaube, dann bewirken vielleicht die Omis was um mich herum. Viel Glück. Würdest du auf Zahnmedizin umsteigen, wüsste ich einen Arbeitsplatz.

Mir reicht es, mein gutes Karma sollte für mehr als einen halben Tag genügen und ich mache mich auf zu höheren Kräften. Ausgerüstet einer Karte, dem Reiseführer, einer Regenjacke, einer Plastikflasche und einem Wanderstock laufe ich Richtung Osten. Mit dem beschriebenen Weg „nach Osten, über ein paar Bäche und dann links den Berg hoch“ (bzw. habe ich nicht mehr verstanden) kann ich nicht besonders viel mit anfangen und der Pfad, den ich wählte, verirrt sich bald immer schmaler werdend im Nichts. Ich laufe den steilen, mit Gräsern bewachsenen Hang höher, bis die Sonne im Osten über die Gipfel klettert. Der 7246m hohe Langtang Lirung glitzert zwischen den dünnen Wolken. Ich starre in die aufgehende Sonne und sehe weit über mir Spinnenweben aus Gebetsfahnen, die einen niedrigeren Gipfel schmücken. Nach der Sonnencreme kramend schmiegt meine Regenjacke Pläne mit der Schwerkraft. Mein erster Gedanke: „mach ich später.“ Nach kurzen Überdenken lasse ich diesen fallen. Rufen probiere ich erst gar nicht aus, meine Regenjacke hat bisher noch nie gehört. Ich renne hinterher. Ähnlich gekonnt wie die Jacke, aber noch aufrecht, nach unten. Nach ca. zehn Minuten und drei Extraleben bin ich zusammen mit der Regenjacke bei der Sonnencreme und dem restlichen Mist.

Der Hang zieht sich. Verändert sich von trockenen Gras zu steiniger Landschaft. Die Kiesel, die so klein waren werden zu riesigen Brocken unter denen unerreichbares Wasser plätschert. Der Schnee in der Plastikflasche wehrt sich zu tauen. Ich klettere im Nebel auf den Brocken umher. Immer ein paar Meter weiter, höher. Schniefend schaue ich zurück ins Tal. Der Himmel ist fast wieder klar und die Fahnen des 4984m hohen Tserko Ri strahlen wieder bunt im Licht. Nach einiger Zeit sind Pyramiden, aufgestapelt aus kleinen Steinen vereinzelnd auf höheren Blöcken zu erkennen. Schnee knabbernd laufe ich die Pyramiden entlang. Der richtige Pfad, endlich eine halbe Stunde vor dem Ziel.

Umgeben von vereisten 6000ern und dem hohen Langtang, eingehüllt im Nebel. Nur selten öffnet sich die Wolken und lassen einen Blick zu. Eine halbe Stunde sitze ich bei den Fahnen im Wind. Auf den Pfad, jetzt wo ich weiß, wo er ist will ich nicht mehr. Tut mir leid, für alles, was ich platt trampele aber Im Nordosten erstreckt sich eine trockene Landschaft, hoch aus Hügeln, bewachsen mit kleinen gelben Blumen. Dahinter zwischen den Wolken Fünf- und Sechstausender, die die sechs Kilometer entfernte Grenze zu Tibet markieren. Ich laufe Richtung Osten und komme auf eine Art Rundweg, der endlich mal in meine Karte eingezeichnet ist. Grunzende Yaks kreuzen hin und wieder meinen Weg. Kleine Yaks, große Yaks, große Yaks mit kleinen Yaks. Und alle scheinen glücklicherweise weniger an mir interessiert als ich an ihnen. Eine einzelne Hummel schwirrt an mir vorbei, wohin auch immer und eine riesige dunkle Wolke rennt das Tal hinauf. Nach ca. sieben Stunden bin ich zurück im Kloster. Es regnet aber hört kurz nachdem auf, als ich angekommen bin. Glücklicherweise gilt das Fasten nicht für mich. Die eine Hälfte der Leute sitzt betend, fastend im Kloster und die andere Hälfte läuft umher, redet und isst.

Im Kloster herrscht immer noch die gleiche Stimmung wie am Morgen. Geändert hat sich nichts, nicht den Tag über und wahrscheinlich auch lange vorher nichts. Frauen beladen mit Dokos. Gefüllt mit Keksen und anderen Knabberkram. Dokus gefüllt mit Trinkpäckchen, Mangosaft. Ich erkenne die Umrisse der Saftpakete wieder, sehe ihre Kanten in meiner Erinnerung an meinen Rucksack drücken. Zwei mal drei Liter waren das wohl, die an meinem Rucksack hingen. Immer mehr Essen wird hinein getragen und vorne, bei den Butterlampen, aufgebaut.

Aufstehen, hinschmeißen. Es ist drei Uhr morgens und wir stehen seit ungefähr einer Stunde wieder im sportlich religiösen Kontakt zum Fußboden. Beten, Mantras murmeln, Trommeln, Tröten, Gerstenkörner in die Luft schnipsen. Drei Stunden lang. Um Fünf gibt es Frühstück, Tee, immer wieder. Der Saft wird verteilt, dazu Kekse. Warmen klebrigen Tsampa. Immer mehr Tsampa, der dicke Klumpen im Magen baut.

Gegen sechs laufe ich los. Zeitdruck im Hinterkopf. Gelddruck im Hinterkopf. Wenn ich die Strecke laufe, in der Zeit, die ich dafür einplante, geht mir das Geld aus, bevor ich zurück in Kathmandu bin. Der Himmel ist klar, keine Wolken. In der Nacht hat es geregnet und die Flanken der Berge glitzern ab ca. 4500m im neuen Weiß. Ich denke drüber nach, ob ich noch länger bleiben soll. Der Tserko Ri, weiß im blauen strahlenden Himmel. Ich könnte einfach nochmal hoch. In meinem Kopf ist eine Karte, der Weg leuchtet. Lieber schnell weiter, vielleicht bleib ich ja irgendwo noch länger. Ich laufe Richtung Westen, mit Blick auf die immer kleiner werdenden Berge. Ich drehe mich um, denke erneut drüber nach länger im Langtang zu bleiben, Schlafplatz und Essen würde ich in Gyanjin bekommen.

Wie ein Film, der rückwärts spult, geht es immer weiter zurück in das Tal. Immer weiter aus dem breiten sanften Tal, zurück in die enge Mooswelt. Der Film spult schnell, ich laufe immer schneller. Ungefähr 2500m runter bis in die Nähe von Doman (nahe Syabrubesi) und dann am Nachmittag noch einmal 570m hoch bis nach Thulo Syabru. Kaputt und verschwitzt schmeiße ich meinen Gepäckkack vor das erste Haus. Zimmer 100 Rupien, Dal Bhat auch 100, alles gut. Vom Rucksack geknautscht, sitze ich auf einer Terrasse vorm Haus, sitze im Grasfeld und schaue mir den Sonnenuntergag an, wie er die Berge langsam von unten mit dunklen Schatten anmalt. Sitze im Grasfeld, pleite, ich frage sie erst gar nicht. Auch wenn es nicht teuer wäre, ist es vielleicht der Preis für das Essen am letzten Abend. Bei ihr schlinge ich mich voll, nach dem Frühstück um fünf und zehn Stunden fast Pausenlosen Laufen passt eine Menge rein.

Am nächsten Tag geht es von Thulo Syabru (2260) über eine Abkürzung 1600m hoch bis nach Laurebina Yak. Stetig ansteigender Berg, noch am ‚Ortsrand‘ von Thulo Syabru mache ich die erste längere Pause. Die Sonne knallt und die Wasserleitung springt mir ins Auge. Ich Dusche, wasche meine Klamotten und gebe ein ungewohntes Bild für die alte Oma ab, die beim Feuerholz holen meine Dusche kreuzt. Behangen, mit tropfenden Klamotten, wie ein fehlgeschlagener Weinachsbaum laufe ich weiter. Höher und höher. Die Abkürzung ist in meinem Reiseführer nur so weit beschrieben, dass es sie gibt, man sie aber nicht finden wird. Die endlosen Seitenwege würden sich in Felder, Weiden oder Wälder verlaufen. Ich entscheide mich immer für den Weg, der nach oben führt und verlaufe mich kein einziges mal.

Laurebina Yak, schon wieder oberhalb der Baumgrenze. Ein hässliches ‚Dorf‘. Drei Lodges nebeneinander gestellt. Es regnet am Abend und die Sonne taucht die umgebene Wolkenlandschaft in leuchtende Rottöne. Überall rote flauschige Watte.

Von Laurebina nach Gosainund sind es nur zwei Stunden. Zwei Stunden durch die karge Baumlose Landschaft. 4400m hoch, an steilen Wänden und einem kleinen Nagetier vorbei. Nachdem Shiva vor einiger Zeit die Welt vorm Untergang bewahrte, indem er den Giftigen Sud trank, der die Erde zu überfluten sollte, war er durstig. Sehr sogar, so dass er seinen Trisul (Dreizack) nahm und ihn in den bergigen Boden rammte. Die Seen blieben zurück. Tiefe klare Seen, umgeben von steinigen Bergen. Irgendwo auf 4400m zwischen dem Langtangtal und dem südlicher gelegenen Helambu. Ein schöner Ort, aber unvergleichbar mit dem Langtangtal. Schön und doch irgendwie enttäuschend. Ich drehe ein paar Runden um den See.

Am nächsten Tag und 200m höher auf dem Laurebina La ist der Blick weniger enttäuschend. Blick von oben auf die Seen. Richtung Nordwesten, der Weg nach unten, wo ich her kam. Richtung Südosten, steil abfallend, im Zickzack ins Tal. Im Zickzack raus aus dem Wandern und zurück nach Kathmandu. Ein bisschen traurig, dass ich nicht länger in Gyanjin geblieben bin, sitze ich nun hier. Auch schön. Vor mir ein See Shivas. Ich tue ihm gleich, sitze lange am See, am höchsten bisher.

Nach einer eiskalten Eimerdusche laufe ich von der Lodge aus eine halbe Stunde den oberen Weg hinauf. Fahnen stehen im Nebel. Von Westen rennt ein riesiges schwarzes Monster am Himmel entlang und im Osten wellen sich die Hügel vom Helambu in der Abendsonne.

Nach Kathmandu wären es ein paar Tage Richtung Süden. Gerade runter mit immer kleiner werdenden Ausblick. Richtung Osten ist es schöner. Am Rand des National Parks entlang, führt der Pfad durch sich veränderte Wälder 1770m runter und 770m hoch über Melamchi Ghyang nach Tarke Ghyang. Ein letzter Abend zuhause bei einer Familie mit hässlichen Glasvitrinen. Schöne Welt.

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