Eisenbahnromantik

Abwechselnd einschlafen und aufwachen. Verschwitzt unter dem Ventiltortrio tropfen. Draußen wird es langsam hell. Bald sind wir da. Das Licht bahnt sich den Weg und scheint zwischen den vielen Köpfen hindurch. Überall schlafende Körper, die sich im engen Platz kreuzen. Sie hocken, liegen ineinander verschränkt. Offene Augen, die müde und richtungslos starr in das aufgehende Licht schauen. Einschlafen, Aufwachen. Er schließt die Augen sein Kopf rutscht seitlich weg. Er richtet ihn auf und schläft wieder ein, versucht zu schlafen. Sein Kopf rutscht weg. Einer seiner Söhne liegt mit seinem Kopf in seinem Schoß und mit den Beinen über seine Mutter. Er schläft fest, die ganze Nacht. Auf dem Boden, im Dreck einer ganzen Zugnacht, zusammengequetscht schlafende. Sie lehnen sich aneinander, lehnen hängend an ihren Armen, die zwischen dem vielen Gepäck Halt suchen. Einige hocken in dem Matsch aus Bananen- und Erdnussschalen, aus Plastikfetzen und Betelresten.

Ich habe Glück, ich habe einen guten Platz. In Raxaul war der Zug noch relativ leer. Jedes Abteil besteht aus zwei Bänken mit jeweils vier durchnummerierten Sitzplätzen. Über beide Bänke jeweils eine Gepäckablage. Auf der anderen Seite ist der Gang, mit noch einmal zwei Plätzen. Verknotet ineinander passen acht bis neun Leute auf eine Bank. Eine Gepäckablage teile ich mir mit vier anderen. Ein guter Platz. Ab und zu, wenn der Zug für längere Zeit an einem Bahnhof steht klettere ich hinaus, hangele mich an den Gepäckablagen entlang und über den Beinen, die dazwischen eine zweite Ebene in das Abteil ziehen. Nach unten komme ich nur, wenn die müden Gangschläfer sich auch die Beine vertreten. Mein Platz ist gut. Die Gepäckablage ist an der Wand verschraubt und zusätzlich mit zwei Stangen mit der Zugdecke verbunden. An eine diese Stangen lehnt mein Kopf. Ich hocke auf der fünfzig Zentimeter breiten Ablage, mit meinem Kopf auf meinen Knien gegen die Stange gelehnt. Sie bildet ein Separee, quadratisch mit zwei offenen Seitenwänden. Ein Kopf lehnt an mich in das Separee. Zwei Füße drücken mir in den Hintern. Einer liegt quer, über die gesamte Ablage. Wir sitzen auf ihm, mit ihm, niemand muss frieren, alles klebt.

Am Abend spielten sie Karten. Ein Longi, gespannt zwischen den Gepäckablagen, bildete die Unterlage. Sie kauten Tabak und spielten. Tranken dabei Chai. Die Familie, die die halbe Bank darunter besetzte, aß Chapatis mit Sabji (Gemüsecurry). Aßen es von Zeitungspapier, dem indischen Einwegteller.

Ich habe im Separee ¼ Quadratmeter Platz. Vor meinen Füßen steht ein Kopf. Sie lehnt stehend an das vergitterte Zugfenster. Sie schläft, über ihrer Lippe bilden sich Schweißtropfen. Sie perlen runter. Ihr Sohn sitzt auf der Bank, ich sehe ihn nicht. Er sitzt direkt unter mir.

Mit dem Tageslicht wacht das Abteil auf. Nicht, dass es ausgeschlafen hätte. Weder ist es wach. Verknotet zu hell, zu warm zum Schlafen öffnen sich Augenpaare. Sie schauen hervor, müde kleben sie zusammen und fallen wieder zu. Die ersten Chaiverkäufer kramen sich rufend durch den vollen Gang. Verkäufer tragen auf ihren Köpfen Samosas, Channa (Kichererbsen) oder Muri (Puffreis). Das Frühstück wird durchgegeben, auf Zeitungspapier oder Einmalschalen aus gepressten Salblättern wandert es durch viele Hände in den Mund.

Der Zug fährt langsam in Howrah ein. Kinder laufen zwischen den, immer zahlreicher werdenden Gleisen herum. Familien leben in den Hütten. Kuhfladen kleben zum Trocknen an den Wänden, Brennmaterial. Alte Häuser begrenzen auf beide Seiten die Gleislandschaft. Sie reihen sich auf, zerfallen über die Jahre und scheinen doch für die Ewigkeit errichtet zu sein. Bäume, Pflanzen ranken an den Wänden hoch. Wurzeln zwischen Backsteinen, überwuchern die alten Gemäuer. Werbung für Unterwäsche oder Zement ist an die Häuser gepinselt. Überdeckt von politischen Parolen in roter Schrift. Hammer und Sichel teilen sich eine Unterhose.

Lokalzüge, um diese Zeit noch relativ leer, rollen mit uns. Ihre Wagons entweder leer für viel Gepäck oder mit Holzbänken an den Seiten. Von den Decken hängen in kurzen Abständen Haltegriffe, schwingen hin und her, mit dem Schaukeln des Zuges.

Das Abteil ist wach. Jeder räuselt nach Gepäck Taschen werden von den Gittern geknotet und umhergereicht. Die Schuhe auf dem Ventilator werden nach unten gereicht. Kinder lachen, sind froh bald da zu sein. Ältere stressige Männer schreien nach ihren Taschen, als hätten sie Angst die Endstation zu verpassen. Die Männer neben mir auf der Gepäckablage ziehen ihre Hemden an, packen ihr Zeug zusammen. Der Longi, Spiel- und Essenstisch, verschwindet in eine der Taschen. Sie hangeln sich nach unten. Alle drängen sich an die Tür. Ich bleibe sitzen, strecke meine geknickten Beine aus, an meinen Rucksack komme ich so wie so noch nicht.

Innerhalb kürzester Zeit leert sich der Waggon. Ein paar sprangen beim langen Einfahren schon ab. Warum auch immer, dann müssen sie weiter laufen. Zurück bleibt Müll. Undefinierbarer Matsch der eine Nacht unter den Zahlreichen Füßen geknetet wurde. Frauen und Kinder, mit Plastiksäcken über der Schulter, rennen barfüßig durch die Waggons. Strecken die leeren Plastikflaschen ein (oder entleeren sie vorher auf dem Boden) und suchen nach verkaufbaren Müll.

Mit einer Zeitung wische ich den Boden frei und ziehe mein Haus aus dem Dreck unter der Bank.

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