Endeckerwahn und Chaoskram

Die alten Stufen knarren vorsichtig unter meinen Stiefeln. Eine Ewigkeit muss es her sein, dass jemand sie hochgestiegen ist. Die Diele ist bis zu ihrer Decke vollgestopft mit Stühlen, hölzernen Kisten und verwirrendem Durcheinander. Jeden Raum einzeln erkunden? Nein! Wie ein kleiner Junge, vom Endeckerwahn gepackt, hält es mich nur kurz in der Diele. Ein Stockwerk höher ein Zimmer, ähnlich vollgestopft und verwüstet, aber mit zahlreichem Krimskrams versetzt, dass ich endlose Tage voller Interesse wühlen könnte. Der Boden begraben von einem Meter Schutt aus Büchern, Heften Zeitschriften und Briefen, durchsetzt mit wunderlichem Kleinkram. Alles durchstöbern, Sachenfinden und mir meiner eigen Geschichten über die vermutliche Vergangenheit der einzelnen Gegenstände ausmalen. Eine große Leidenschaft: Das Durchbohren der verwüsteten Überbleibsel früherer Existenzen. In diesem Haus, in diesem Zimmer, im Chaos einer zerfletterten Vergangenheit schwimmend umarmt mich meine Passion.

Dem Fahrradnomadendasein zu Dank verpflichtet, ist es mir glücklicherweise nicht möglich was mitzunehmen. Wäre ich ein Wohnungswohnender oder gar im Besitz eines Hauses, es wäre gleichgültig vollgestopft mit Schätzen der zahlreichen Kaperfahrten. So bleibe ich bei Kleinigkeiten:

  • Streichhölzer: Mit der Aufschrift: ‚Der Kluge Kopf kauft im Fachgeschäft‘;
  • ein paar Reichspfennig: Eine Woche später sollte ich sie in Norddänemark bei einem Pfandsammler gegen seinen Beutel blechernem Wertstoff eintauschen;
  • und einer ausklappbaren Reflektor-Plastikfahne für das Fahrradheck. Leider kürzer als mein Gepäck.

Zwischen dem ganzen Papierkram, vieles davon in altdeutscher Schrift, im Genrehorizont grenzenlos zwischen Fachliteratur der Orientalistik, Wörterbücher von tausenden von Seiten, hinweg über Esoterik bis zu ekelerregender Blut und Boden Literatur. Selbst zwei Stapel, je einen halben Meter: ‚Der gute Kammerad – Knabenzeitung‘. Briefe Postkarten, teils mit Bundespost teils mit Reichsstempel.

Zwischen all diesen vergilbten Seiten konnte ich mir sicher sein, dass ich finde wonach ich suche. Unbeschriebenes Papier, Hefte oder ähnliches. Der erste Volltreffer ist ein ‚Waren Ein- und Ausgangsbuch‘. Leer und unbenutzt. Doch missfiel mir der Einband in Altdeutshcen Lettern und viel mehr die beschrifteten Kopfzeilen. Bei einem Notizblock hege ich hohe Ansprüche. Beim niederkritzeln der Abendteuer möchte ich nicht ständig auf ‚Reichsmark‘ starren!
Nach kurzer Suche werde ich fündig. Diesmal trägt der Einband den englischen Titel ‚Notes‘ in geschwungener goldener Schrift und die leeren Seiten, nur mit Zeilen bedruckt, werden meinen Ansprüchen bei weitem gerecht.

Eine Blechdose fängt meinen Blick. Fest verrostet mit dem Deckel brauch ich eine Weile sie zu öffnen. Im Innern ein überraschender Wohlgefallen in Form von Kaffe. Ganze Bohnen mit verflogenem Aroma und dem enttäuschendem Geruch von Staub und Ranz. In einer Schublade hingegen zwei weitere Dosen. Noch verschlossen und von einigen Generationen des Produktdesigns verschont geblieben, sind sie schlicht im Stil eines mir unzuordenbarem Zeitraum vor einem halben Jahrhundert abgefüllt worden. „Vakuum verpackt… röstfrisch… bis zum ersten Öffnen“. Den geeigneten Öffner finde ich in der Diele und trümmer mit einem Spaten auf die Dose. Inspiziere daraufhin das braun-ranzige Pulver und stelle wieder einmal fest, dass Aufschriften lügen wie Werbung im allgemeinem.

Nächster Raum, wie im Spiel fühle ich mich, Items sammeln, nächster Dungeon, zum Glück keine Monster! Vor denen fürchte ich mich. Stattdessen neben dem Ofen eine Flasche Likör. Kaffe mit Minze. Eigentlich trinke ich ja gar keinen Alkohol. Aber so eine Rarität ohne Datum, verstaubt, der muss doch noch gut sein! Schnaps mit Zucker, das ist doch noch gut! Ich halte die Flasche in den staubigen Lichtstrahl der zum Fenster hinein scheint, drehe sie inspizierend mit dem Ergebnis keinerlei Bröckchen. Geöffnet war sie schon einmal zuvor sonst hätte ich sie schon längst im Gepäck zum Skandinavienexport. Güter von höchstem Wert hätte ich dort eintauschen können. Aber so, bereits geöffnet? Naja, zumindest dran riechen mag ich an dem Sprit, wandert ein Gedanke durch den Kopf, und setzte sie daraufhin an. Ein Schluck. Schmeckt wie die Aufschrift es verspricht. Likör aus Kaffe und Minze. Ich stelle ihn zurück.

Weiter, Raum für Raum, den ersehnten Kompass finde ich leider nicht. Stattdessen ein Klavier. Wäre doch der Kaffe noch frisch wie versprochen. Ich könnte ein Tässchen aufbrühen, mich gerade auf den Hocker setzen, so tun als könnte ich Klavier spielen und dabei Kaffe trinken. So bleibt es leider dabei so zu tun, als würde man zum geschummeltem Klavierspielen Kaffe trinken.
Wohnzimmer, Schlafzimmer, Flur, überall, alles mit Krimskrams verwuchert und überall Bücher. Dann Vorratskammern, Eingewecktes, ein Stück Geschichte, ein Archiv aus vergrautem Gemüse. Die Küche betretend, vom Glück überrollt, hier das ein oder andere genauer zu betrachten. Kaffeweisser, unverschlossen, abgelaufen 1986, geöffnet 2014 von mir gegenwärtig. Riecht scheußlich, aber roch er vielleicht schon immer.

Auch hier keine Monster, nicht einmal Nagetiere, zumindest keine Spuren ihres Stoffwechsels. Auch der Reis, nur in Plastik verpackt, nicht angenagt. Vielleicht besonderer Reis? Selbst ich, der Reis fast mit einem gewissem Fanatismus Liebe entgegen bringt und gleichzeitig alles untersuchen möchte, schaut die Packung nur kurz an und denkt gelangweilt ‚Reis‘. Eine gewaltige Kraft muss aus der Tiefe dieser Körner empor treten und Ödnis verbreiten. Rational kann ich mir mein fehlendes Interesse in diesem Augenblick nicht erklären.

Weitaus mehr reizt mich eine Dose Erdnüsse, wohl das neuste, das ich in diesem Haus erblicken kann. Abgelaufen gerade mal 2008. Erdnüsse, ebenfalls eines der zahllosen Dinge, die ich sehr gerne mag. Drehe die Dose ein paar Mal in der Hand, öffne sie, rieche daran und probiere vorsichtig eine halbe der Nüsse. In Vorerwartung an einen Geschmack dessen inneres Öl schon in Vorzeiten ranzig geworden ist bin ich verblüfft. Wirklich alt schmecken sie nicht, aber als frisch wage ich sie auch nicht zu beschreiben. Ich verharre einige Sekunden in der Pose mit der Dose Nüsse in der Hand in eine plötzlich auftretende Diskussion verschiedener innerlicher Standpunkte verwickelt, wobei sich Magen und Hirn nicht nur untereinander uneinig sind, sondern auch mit sich selbst. Aus der Tiefe der Gedanken tritt ein weiterer Akteur der Diskussion bei. Es ist das Vernunftgewissen in Gestalt meiner Schwester. Beziehungsweise einem Traum der Glücklicherweise von der Realitätswalze verschont geblieben ist und in all seinem moralischem Wert der Menschheit erhalten blieb:

„Eine Parade durch die Wetzlarer Innenstadt. Zu vorderst eine Boyband die sich das Ziel setzte so vielen Leuten wie möglich die Hose herunter zu ziehen und den Finger in das Popoloch zu stecken. Wer wollte durfte nach dieser eindringlichen Einladung mit laufen und es ihnen gleich tun. Ich war mitten drin, ein Teil der Parade, zog Hosen runter, steckte Finger in Popos. Meine Schwester am bummeln, nachmittags durch die Innenstadt, trifft sie auf den bunten Zug und ruft Schockiert: ‚Andi, du kannst doch nicht allen Leuten den Finger in den Popo stecken!’“

Heute, vielleicht 15 Jahre nach ihrem Traum wird mir die Moral bewusst. Man muss nicht alle Möglichkeiten nutzen, die in Betracht zu ziehen sind! Belehrt stelle ich die Dose wieder weg. Packe mir ein bisschen Feuerholz aufs Rad und fahre mich vor Vergiftungen schützend weiter gen Norden.

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