Erste Begegnungen mit Bollywood

Die Visabestimmungen in Nepal lassen einen Ausländer im Normalfall leider nicht länger als fünf Monate pro Kalenderjahr im Land bleiben. So musste ich Ende November 2010 Nepal gen Indien verlassen.

Nach der Reise mit dem Fahrrad, dem Hänger und dem schweren Gepäck reiste ich nun leicht mit kleinem Rucksack und einem einzigen verbleibenden 100 Rupien Schein (ca. 1,60€). Ich fühlte mich frei und war durch meine lieben Mitmenschen voller Glück. Ich war erwartungslos und lies mich einfach treiben. Zuvor lernte ich das ‚Yes-Game‘ kennen. Dabei versucht man auf jede Frage immer positiv einzugehen. Im Zweifelsfall muss man sich danach, möglichst unbemerkt, wieder raus reden.

Der einzige Plan, den ich irgendwo in den letzten Ecken meines Hinterkopfes hatte, war vielleicht irgendwo in Indien Geld für die nächsten Monate zu verdienen.

In Butwal, vielleicht 30 Kilometer Nördlich der Indischen Grenze, viel mir die Schlafplatzsuche wieder einmal schwer. Es war schon längst dunkel und ich legte mich spontan in den Anhänger eines Traktors. Noch vor Sonnenaufgang Schüttelte mich das ruckelnde Gefährt wach. Ich kletterte zum Fahrer und stellte mich vor. Wir beide waren verwirrt und lachten über die Situation. Ein guter Start in den Tag.

Ich lief durch die noch schlafende dunkle Stadt und traf auf einen Menschen, der sich die Hände hockend an einem Müllfeuer wärmte. Er kam auf mich zu und fragte nach Geld. Wir verbrachten eine ganze Weile vor dem Feuer zusammen. Ich bot ihm von meinem Essen an. Allerdings war es unzubereitet und bestand es aus einer einzigen günstigen Zutat: Rettich. Er verzog das Gesicht und lehnte ab. Ihm war wohl nicht so danach. Er fing an seine Geschichte zu erzählen und erklärte er sei Koch. Er kommt aus Ostindien und ein nepalesischer Unternehmer heuerte ihn für sein Hotel an. Er malte sich aus, wie er Geld sparen konnte um es seiner Familie zu schicken. Stattdessen arbeitete er fast ununterbrochen und ist nach Monaten unbezahlter Arbeit aus dem Hotel geflohen. Seit dem ist er auf dem Weg zurück zu seiner Familie. Er schämte sich für seine Situation. Er konnte sich nicht vorstellen mit leeren Händen zu seiner Familie zurück zu kehren. Wir wünschten uns gegenseitig viel Glück.

In Indien trampte ich ziellos mit LKWs, Traktoren und Motorrädern.

Abends, an einem Highway, hielt ein LKW mit ganz besonderen Fahrern. Als sie mich nach meinem Ziel fragten sagte ich Lucknow. Als sie mich nach meinem weiteren Ziel fragten zählte ich einen indischen Bundesstaat nach dem anderen auf. Als ich Maharashtra nannte, boten sie mir an mit nach Mumbai zu fahren. Ich spielte das Yes-Game und willigte ein. Wir verbrachten knapp eine Woche zusammen in dem Truck. Ein Erlebnis, dass ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Angekommen in Mumbai verabschiedeten wir uns herzlich und ich wartete, dass die nächsten Abenteuer auf mich hereinbrechen sollten.

Ich hatte keine Vorstellung von Mumbai und nur eine kleine Karte der Innenstadt. Um eine grobe Übersicht meiner Lage zu gewinnen fragte ich einen Passanten. Ja gar einen wirklich redseligen. Er erzählte mir viel und zeigt mir auf der Karte genau meinen Standort (später fand ich heraus, dass ich mich weit entfernt von dem Kartenausschnitt befand).

Er kam aus Kolkata, einer meiner unzähligen Heimatorte und sprach dazu ein sehr klares mir relativ gut verständliches Hindi. In Mumbai war er, um seinen kranken Opa ins Krankenhaus zu begleiten. Nach einigem Wortwechsel fragte er mich, ob wir auf diesen Wasserturm klettern wollen um einen Joint zu rauchen. Ich spielte das Yes-Game und er Verstand meine Versuche mich rauszureden nicht. So kletterten wir über den Zaun und saßen wenig später mit bestem Ausblick vernebelt kichernd auf dem Wasserturm. Nach nicht allzu langer Zeit hatte das zur Folge, dass sich wutentbrannt schimpfende Herren unter dem Turm versammelten und wild gestikulierten. Glücklicherweise ging alles gut aus und ich entschied mich langsam Abstand von ihm zu nehmen. Ich hatte doch ein wenig Angst als er mir vorträumte, wie wir die nächsten Wochen gemeinsam die Stadt erkunden werden.

So gab ich zum ersten Mal seit dem ich eine Woche zuvor über die Grenze gekommen bin etwas von dem kostbaren Geld aus und kaufte ein Zugticket zur Endstation in der Innenstadt. Sehr schnell wurde mir bewusst, dass sich Mumbai stark von den mir sonst bekannten Orten in Indien unterscheidet und die Preise auch ein Vielfaches sind.

Abends rief mir von einer Verkehrsinsel, nahe des Babumath Mandirs (Tempel), ein Bettler etwas zu. Ich querte die Straße und teilte sein Shillum. Er kam aus Orissa und war sehr angetan, als ich von meinem Zivi in Orissa berichtete. Er erzählte, dass er vor Jahren seine Heimat verlies um nur noch Gott zu dienen und in materieller Askese durch das Heilige Land zu ziehen. Und letztlich, auf dieser Verkehrsinsel, so sagte er, fand er seinen Frieden. Seit dem schneidet er täglich ein paar Blumen im Park ab und verkauft diese an die Tempelbesucher*innen. Während meinen Aufenthalten in Mumbai sollte ich ihn immer wieder besuchen. Ein paar Monate später habe ich auch ein paar Nächte bei ihm verbracht.

Doch in dieser ersten Mumbainacht hatte ich bei dem Schlafplatz auf der Verkehrsinsel noch Bedenken und fragte stattdessen die Fischerfamilien am Stadtstrand Chaupati, ob ich mit ihnen zwischen den Booten schlafen kann. Für sie war es selbstverständlich.

Am zweiten Tag fasste ich den Entschluss Mumbai endgültig den Rücken zu kehren und einen Zug irgendwo aufs Land zu nehmen. In der Nähe des Bahnhofes (Chatrapathi Shivaji Station) tippte mir jemand auf die Schultern: „Do you want to work for Bollywood?“
Im ersten Moment war ich etwas verdutzt, doch sagte er weiter: „We pay you 500 for a night.“
Ich sagte spontan zu, wartete auf den Abend und verbrachte die gesamte Nacht auf einem Set (Desi Boyz). Die Szene spielte in einer Europäischen Bar und wurde in einem Einkaufszentrum gedreht. Der Job von dem Agenten, der mich anheuerte, ist es Touristen zu bringen. Aber letztlich musste nur die Hälfte von uns vor die Kamera. Ich, mit wirren Dreadlocks, durfe mich die ganze Nacht durch am reichen Buffet vollstopfen und Chai trinken. Das bereichernste in dieser Nacht war jedoch nicht das Buffet sondern die Bekanntschaft mit Gints. Einem spaßigen Letten der bei einer Straßenfamilie lebt und seinen doch recht teuren Lebensunterhalt mehr oder weniger erfolgreich mit Statistenjobs bestreitet.

Am nächsten Morgen ging ich mit zu seiner Familie. Wir wohnten direkt vor dem Taj Palace in einer gesperrten Seitenstraße. Wir teilten unser Geld mit der Familie und wenn wir nichts hatten teilten sie mit uns. Ich vertraute ihnen vollkommen und lies selbst meinen Rucksack offen bei ihnen auf dem Bürgersteig liegen, wenn ich unterwegs war. Das Gebiet in dem wir wohnten (Colaba) ist durch teure Geschäfte gekennzeichnet und der Ort, den wohl alle Mumbai Touristen aufsuchen. Die Leute, die hier auf der Straße leben, bilden eine zweite Ebene, die den meisten Besuchern verschlossen bleibt. Die Familienstrukturen ziehen sich über die Bürgersteige. Der Bruder wohnt in der Nachbarstraße, die Familie des Onkels hundert Meter weiter… .

Nach ein paar Tagen bekamen wir über dubiose Umwege ein Jobangebot in einer historischen Serie. Die Konditionen waren fünf Tage Arbeit bei 5000 Rupien pro Woche sowie kostenlose Verpflegung und Unterkunft. Wir redeten gar nicht lange darüber und fuhren zu den ND Studios nach Karjat. Die Unterbringung und das Essen waren doch etwas höherwertiger als auf der Straße aber dafür war das Ding wie ein Knast (Gints widersprach mir, denn im Knast gibt’s wenigstens Drogen sagte er). Umgeben von hunderten spätpubertierenden indischen Matschospinnern spielten wir Krieg. Wir kämpften unter Sir Robert Hammilton im großen indischen Aufstand und versuchten das Fort von Jhansi einzunehmen. Wir trugen Uniform und einen großen Hut. Der Hut war meine Versicherung überhaupt in der Serie mitspielen zu dürfen, denn morgens wickelte ich meine Filzfrisur in einen festen Verband und quetschte sie in den großen Hut.

Das Gelände wimmelte vor Entdeckungen. Riesige Kulissen, alles nur Fassade. Ganze nachgebaute Straßenzüge und sogar ein ‚mini‘ Nachbau der Lal Qila aus Delhi.

Auch wenn es sich alles ganz ok anhört, war die Zeit im Studio für mich eine Qual. Und Außerdem wurden wir nicht wie abgemacht wöchentlich bezahlt. So traten wir nach über zwei Wochen die Flucht an und trampten zurück nach Mumbai. Dort versuchten wir den Agenten (Pankaj) zu treffen aber bekamen nur immer mehr Kontakte zu Leuten die auch von ihm verarscht wurden. Später sollten wir erfahren wie Pankaj und die Produzenten der Serie Jhansi ki Rani zusammen hängen. Die Produzenten sagten uns grinsend wir sollen doch die Polizei rufen, wir mit dem Touristenvisa und ohne Geld.

Es war also Sinnlos und pünktlich zu Weihnachten saßen wir wieder auf der Straße vor dem Taj Palace. Es war ein Weihnachtsfest welches ich noch nie so nahe an dem Weihnachtlichen Sinn miterleben durfte. Die Familie bei der wir lebten waren Christen und verteilten Kuchen, Chips und Getränke an Passanten. Sie legten ein Kabel zu dem nächsten Kiosk und schmückten ihren Bürgersteig und den Jesusschrein mit bunten Blinklichtern.

Ein Kind der Familie bekam beim Touristen anschnorren einen kleinen Santa Klaus geschenkt. Wir versuchten zu erklären, dass dieser in den vereinigten Staaten die Geschenke bringt. Sie erklärten uns, dass sie selbst die Geschenke bringen und das keinem doofen Santa überlassen können. Denn Weihnachten ist das Fest von Jesus, Jesus ist die Liebe und wenn man Jesus Ehre erbringen möchte dann muss man seine Liebe selbst ausdrücken und den liebsten eine Kleinigkeit schenken. Einfache Erklärung und ein schönes Fest.

Uns beiden schenkten sie, auch als Entschädigung für die scheiß Zeit auf dem Set, eine Flasche Deshi Daru (gresslicher Schnaps) und sonstigen Knallkram. In derselben Nacht hatten leider ungewohnte Polizisten Dienst vor dem Hotel und jagten uns später betrunken durch die Straßen. Eine Wirre Nacht, wir gingen letztlich zum Strand und schliefen dort.

Am nächsten Morgen warf ich meine Prinzipien über Bord und machte den Gang zum Geldautomaten. Ich hatte Geburtstag, es war Weihnachten und ich habe die tollsten Eltern die es gibt und die mich immer unterstützen (wenn ich das zulasse). So hatte ich plötzlich wieder Geld, schenkte was an die Familie, was an Gints und nahm den nächsten Zug Richtung Nepal (Direktzug, die Fahrt dauert aber ein paar Tage).

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