Steigungsmesser

Hin und wieder rotiert beim Pedalieren ein gewisses Gefühl der Ratlosigkeit im eigenen Gedankenhorizont. Ein verwirrtes Hirngespinst, durcheinander im stetigem Auf und Ab.

Meine Versuche diese Verwirrung den nicht-befahrradeten unter meinen lieben Mitmenschen mitzuteilen, endete meist in ungläubigen Blicken. Jene Blicke, die mir wortlos versuchen die Unzurechnungsfähigkeit zu zuschreiben.

Doch gebe ich euch mein Ehrenwort, dass sich die Neigung unserer Welt zwar in Winkeln beschreiben Lässt, die eigene Wahrnehmung des radfahrenden Individuums jedoch innerhalb der subjektiven Perspektive gebrochen wird, bevor die Inklination im Bewusstsein angekommen zu sein scheint.

Auf fast ebenen Straßen, beim leichten Bergauf-Fahren, resultiert dies beispielsweise darin, dass sich die Schaltgewohnheit nach oben überschlägt, während die Beschleunigung nicht hinterher kommt. Im verwirrten Kopf des radfahrenden macht es sich währenddessen dadurch bemerkbar, dass die Anstrengung dem Geraden überproportional zu sein scheint. So mag dies in dem einen oder anderen müden und unmotivierten Moment zum vorzeitigen Anhalten führen. Wobei alle Möglichkeiten, welche für die erhöhte Anstrengung in Betracht kommen überprüft werden. Vielleicht schleifen die Bremsen? Oder es ist mal wieder höchste Zeit den pfropfigen Öl-Staub-Schnodder aus den Schaltröllchen zu kratzen? Es mag auch dazu führen, dass ein Finger angefeuchtet gen Himmel gehoben wird, um wirklich sicher zu stellen ob denn wirklich ein windstiller Tag ist. Letztlich kann es sogar zur Wartung der Radlager kommen, wobei jede Kugel gereinigt und vorerst fein säuberlich abgelegt wird. Und wenn dann beim Zusammenbauen plötzlich eine fehlt, prallt die banale Erkenntnis direkt unter den Fahrradhelm: Aaaah, weggerollt, es geht wohl bergauf!

Zum Glück gibt es eine einfache Möglichkeit schon frühzeitig dieser verwirrten Spirale zu entspringen: Eine einfache Anzeige. Ein Messinstrument, welches der quer im Raum ausgerichteten Ebene, an der sich das Fahrrad samt FahrerIn orientiert, im Bezug zur Gravitation gerichteten Senkrechten, einen Wert ohne subjektive Empfindungen bestimmt. In der einfachsten Bauform wäre das eine Wasserwaage am Fahrradlenker.

Hurra, so etwas gibt es schon!

Um nicht das Rad (ha ha schlechter Wortwitz) bzw. die Wasserwaage neu zu erfinden, reisten wir zuerst suchend in den Wirren des weltumspannenden digitalen Vernetzungsgebildes umher und wurden sogar relativ schnell fündig.

Werner (skymounti.com) kam schon einmal ähnliches in den Sinn. Er vollbrachte sogar das bahnbrechende Wunderwerk die Wasserwaage in die Form eines Kreisumfangs zu biegen. So konnte er das simple Low-Tech Instrument nicht nur mit der archaisch-stupiden Skalierung „Rauf-Gerade-Runter“ beschriften. Sondern übertrug direkt die Position der schwimmenden Blase in eine aussagekräftige Skalierung in Prozent.

Außerdem ersetze er die Flüssigkeit einer ordinären Wasserwaage mit einer Zähflüssigen Sirup-Masse (das Ding ist so stabil, dass kein Mensch je beweisen kann, dass es nicht mit leckerem Sirup gefüllt ist). Er rettete die Luftblase dadurch aus ihrem sprunghaften Umfeld und machte somit die Verwendung einer Wasserwaage am Fahrrad erst möglich.

Da wir in diesem Moment leider keine Quelle ausmachen konnten um das Objekt unserer Begierde käuflich zu erwerben, wendeten wir uns auf elektronisch postalischen Weg direkt an den Erfinder. Wir unterbreiteten den Vorschlag unsere Fahrradreise nach Indien von Anfang an mit einem kleinen Umweg auszustatten. An der prompten und wohlgesonnen freundlichen Antwort hingen Bilder seiner Radreise durch Indien und kurze Zeit später warteten zwei frische Wasserwaagen-Inklinometer im Briefkasten auf ihr weiteres Dasein an unseren Fahrradlenkern.

Werners Motivation: „Mir kam die Idee zu dem Steigungsmesser (1996), nachdem ich von Wolkenstein Gröden über den Pordoi Pass fix und alle, am Fuß des Sella Passes, ein Strassenschild mit 15% Steigung sah. Da hatte ich das Gefühl, wenn ich jetzt wüsste wo diese steilste Stelle mit 15% ist und ob oder wann ich die hinter mir hab, das könnte mich noch motivieren.“

 

Ausschweifende Montagegedanken

Während der Montage überraschte mich zum wiederholten Mal die Tatsache, dass ein Messinstrument nicht zwingendermaßen misst, sondern auch bestimmt. Es bestimmt was ist, es bestimmt die Realität und es dreht vorsätzlich an der Einstellschraube des optimistisch-pessimistischen Verstandes unter dem Fahrradhelm. Vielleicht lag dieser Erkenntnis auch meine Heimatlosigkeit und das Fehlen eines ebenen Normbodens zu Grunde. So neigte ich das Instrument nach vorne und wieder nach hinten, stellte mir vor was gerade gerade ist und ob ich mich während der Fahrt freuen soll, dass es ständig bergab geht, oder doch lieber dass es so kleinritzlig schnell bergauf geht!?

Testfahrt

Bei der ersten Testfahrt verriet mir die Blase in ihrer zähflüssigen Umgebung, dass die Straße auf 100 Metern ziemlich kontinuierlich ca. 6 Meter in die Höhe steigt. Gut.

Als es darauf hin wieder scheinbar steil bergab ging und die Welt in all ihren Farben an mir vorbei sauste (oder sauste ich und die Welt stand?) fokussierte ich meinen Blick nach vorne und traute mich gar nicht prüfend auf den Lenker zu schauen. Deshalb konnte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht sicher sein, ob die Straße wirklich nach unten geneigt war. Erst als ich die Bremsen anzog traute ich mir den Blick auf den Lenker zu und war über die bestimmende Selbstsicherheit des Inklinometers verblüfft. Vielleicht war es vom vielen Bergauf-Fahren müde und lies sich deshalb einfach mal gehen. Vielleicht lag es auch an der typischen doppelten Persönlichkeit einer jeden Wasserwaage, welche auf ihrem innen liegenden konträr-elementaren Doppelaufbau aus flüssigem und Gasförmigen Aggregaten beruht. Meist verstehen sich die beiden Komponenten gut, doch gerade beim heftigen Bremsen zeigt die flüssige Phase, ihrer größeren Masse wegen, eine deutlich konservativere Haltung bei der sie ihre innere Beschleunigung widersprechend den äußeren Umständen demonstriert. Der gasförmige Bestandteil hingegen reagiert doch reflektierter und ist durchaus für Neues zu haben. Da sich die beiden Persönlichkeiten allerdings untrennbar in einem von schlagfestem Polystyrol gehaltenem Acrylglas befinden, geben sie auf der Skala das gemeinsame Meinungsbild wider und behaupten, je nach Intensität des Bremsens, die Welt sei gerade, obwohl sie schief steht.

Zu einem späterem Zeitpunk, mit etwas mehr Gepäck und das Fahrrad mehr dem Himmel zu gewandt, bestimmte das Inklinometer, dass die Neigung im Rhythmus des Pedalierens zwischen 18 und 20 % schwankt. Dies zeigt in all seiner Kraft, dass die Welt nicht stabil in ihrer Form ist sondern sich dynamisch den äußeren Gegebenheiten des Fahrradfahrens anpasst. Ich nehme an, dass zukünftig an diesem Punkt die Beweiskette ansetzen wird, welche die Hypothese bestätigt, dass die einzige reale Macht mit Auswirkung auf Physik, Mensch und Herrschaft von der friedlichen Verwendung des Fahrrades ausgeht.

Schlussbemerkung

Egal was hier irgendwer interpretiert oder zu verstehen glaubt: Das Ding ist super!

Wärmstens zu empfehlen für alle:

  • … die gerne Tetris auf dem Fahrradlenker spielen und selbst in die kleinste Lücke noch irgendwas rein drücken.
  • … Nerds, die ihre Route aus dem Grund per GPS loggen und auf ein Digital-Elevation-Model projizieren, um aus dem Höhenprofil die Steigung im gegenwärtigen Punkt abzuleiten.

Nicht zu empfehlen für alle:

  • … die mit einem Plastiklöffel reisen und vorher den Stiel abbrechen um Gewicht zu sparen. Auch ein Inklinometer unterliegt der Gravitation.
  • … die sich gerade nach dem Sinn fragen.

Vielen Dank und liebe Grüße aus aus der wüsten Julisonne des persischen Plateaus, irgendwo weit zwischen der grünen transkaukasischen Bergwelt und der willkürlich phantastisch-tief eingefurchten Hochebene Zamoniens.

Sollen wir was schreiben?: „Ja wenn Du was über Sinn und oder Unsinn eines Steigungsmessers am Rad schreiben möchtest, ja… kannst Du ja nach den Bergen machen.“

 

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