Graßhüpfer und meine unerklärliche Faszination für sanitäre Anlagen

Sickergrube ist soweit fertig, Pflanzen sind schnell bewässert und den Ziegen reicht das auch, wenn weniger als drei Leute sich um sie kümmern.

Es ist Nachmittag und ich sitze im Bus nach Kathmandu. Den Platz im Bus neben mir besetzt Amir, ein ca. 20 Jahre alter Student aus Kathmandu, der mit all seiner Kraft versucht so interessant wie möglich auf mich zu wirken. Er stellte sich mir in Kaule vor, während ich auf den letzten Bus wartete: „Hey, what´s up. My name is Nicki“. Die Sonnenbrille, die in seinem Kragen steckt, baumelt hüpfend bei jedem Schlagloch hin und her, während er versucht mein Nepali aufzubessern. Durch die kurvige Schlagloch Piste und seine so oder so schnelle Handschrift wandern unleserliche neue Vokabeln in Devanagarischrift in mein Buch. Theoretisch sollte ich jetzt wissen was Graßhüpfer heißt. Er ist ganz nett, und wirkt anders und netter als er versucht zu wirken.

Nach knapp zwei Stunden und einem mal Umsteigen, sind wir am Ratna Park in Kathmandu angekommen. Nicki, der mittlerweile endlich Amir heißt begleitet mich noch Richtung Durbar Square und erzählt mir über sein Zimmer im Studentenwohnheim, das ich mir umbedingt ansehen sollte. „5 minutes only. not more.“

Schon längst an meinem Hotel vorbei überqueren wir den Vishnumati River. Nur noch fünf Minuten Weg von hier aus. Kleine Gässchen, enge zusammen gequetschte Häuser, links, rechts, wieder rechts … ich versuche mir den Weg durch seine Abkürzungen zu merken. Eigentlich muss ich im Hotel einchecken bin aber ganz froh Kathmandu endlich aus Winkeln zu erkennen, die mir irgendwie keinen wirklichen Sinn ergeben. Das Gespräch schneidet kurz sein Studium an. Irgendwas mit Wirtschaft studiert er, langweilig. Das Gespräch sucht sich seinen Weg, es findet bessere Themen. Der Lichtkegel der Feuerzeugtaschelampe bohrt sich durch den Dunst in seinem Zimmer. Es ist verraucht und stickig, selbst ohne das er die letzten Tage hier war. Poster von Blink 182, den Gorillaz und Shiva hängen an der Wand, auf dem Boden steht eine Stereoanlage, der Stromausfall stört mich weniger. Räucherstäbchen, eine Hand voll, „for the good smell“.

Der vollgestellte Flur, von einem Streichholz erhellt, am Ende die Toilette, spiegelnd sichtbar von einer Blechtür verschlossen. Ich gehe zum Licht, muss dringend pinkeln, öffne die Tür. Eine weitere Tür, unsichtbar. Bestehend weniger aus Blech, meine Beine gehen hindurch, meine Nase springt Meter zurück und meine Augen fühlen, sehen kann ich nichts, das Streichholz ist aus. Meine Beine mit samt der seit Stunden gefüllten Blase folgen meiner Nase zurück auf den Flur. Ich bereite meine Hose auf das bevorstehende Pinkeln vor, entzünde noch ein Streichholz und hole so tief Luft wie ich kann. Der Strahl trifft mehr als weniger das Loch im Boden, meine Augen nutzen die wenigen und einzigartigen Sekunden in denen ich das Glück habe hier zu sein. Das Streichholz erhellt die befleckten Wände, den dunklen Boden. Die zum Waschen mit Wasser gefüllte Wanne in der Ecke … In einem Atemzug waschen? Wie machen die das?

Ich springe zurück auf den Flur, schließe die Blechtür, packe mich wieder zusammen und versuche diese Toilette in meine Erinnerung einzuordnen. Nach ihrem Geruch, dem Aussehen und vor allem nach dem Grad der Faszination. Die typische deutsche Festival-Dixi-Toilette ist selbst in ihren allerschlimmsten, mir bisher bewussten Zustanden leicht in allen drei Kategorien zu überbieten. Bekacktere sind mir auch schon öfter untergekommen, aber bisher noch keine, die diesen Geruch überbietet. Faszinierend ist sie eigentlich nur, weil sie gleichzeitig als Wasch- und Badezimmer dient.

Ich erinnere mich zurück an eine wirklich faszinierende Toilette einer Bar in Baleshwar, Orissa: Ein Raum, quadratisch, Hell und gefliest. Als ich ihn betrat erkundigte ich mich sofort erneut wo die Toilette ist.

„This room!“ war die Antwort des Herren, der gestikulierend wieder auf denselben Raum deutete.

Eine Toilette der Freiheit und des selbstbestimmten Pinkelns. Jede Wand, mit Ausnahme die der Tür (selbstverständlich, oder auch nicht?) war zum Erleichtern gedacht. Im Sud der Vorgänger, sozusagen gemeinschaftlich, konnte man sich seine liebste Fliese, oder die allerschönste Fuge frei wählen. Weder Toilettenschüssel, Waschbecken, das selbstverständliche Loch oder sonstige sanitären Errungenschaften lagen hier vor.

Mit der Erkenntnis, dass Amirs Toilette weder die faszinierendste, noch die dreckigste ist und das Besondere nur in dem überragenden Duft liegt, setze ich mich erleichternd in sein von Räucherstäbchen gesättigtes Zimmer und versuche ihm, wie versprochen, einige deutsche Floskeln beizubringen. Der Gedanke, der durchgehend in meinen Kopf umherwirrt, ist das Hotelzimmer, das ich immer noch nicht habe. Gegen neun (um zehn oder elf schließen viele Hotels) geht der Strom wieder an. Er entscheidet sich die Musik aufzudrehen, ich entscheide mich den Rückweg anzutreten. Ein paar erfreuliche Dinge gibt er mir noch mit auf den weiten, sich ziehenden und mir, aus der Erinnerung entschwundenen Weg. Darunter seine Begleitung ohne die ich schon an der ersten Kreuzung in die falsche Richtung laufen würde. Als Abschied gibt es ein gemeinsames Abendessen, Dal Bhat (Reis mit Linsen).

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