Hätte, hätte, Fahrradkette

„Mach ich das nächste mal wenn ich an den Schraubenzieher komme!“ Jedes mal zischt mir dieser Gedanke durch den Kopf. Jedes mal wenn ich hoch schalte auf das große Kettenblatt und die Kette in Richtung Kurbel überspringt. Ein wenig drehen an der Anschlagsschraube am Umwerfer und das Problem wäre aus der Welt. Jedes mal denke ich daran, aber nie wenn die Tasche mit dem Werkzeug geöffnet ist. Nach ungefähr fünf Wochen auf dem Rad hat mein trotzig resignierter Kopf einen weiteren Satz an das Mantra des Überspringens gehängt: „Egal, geht ja auch so.“ Das Hochschalten geht ja auch öfter problemlos als das die Kette überspringt und wenn es doch der Fall ist, schlängelt sie sich durch vorsichtiges kurbeln wieder auf das Kettenblatt. Seltener geht sie aber auch eine verknotet verklemmte Einheit mit der Kurbel ein.  Dann muss ich anhalten und mit Glück und Gewalt im richtigen Mischungsverhältnis die Kette wieder aus den Fängen der Kurbel befreien. Auch in diesen Fällen denke ich darüber nach die Anschlagsschraube etwas rein zu drehen, aber beim nächsten mal wenn ich an das Werkzeug komme, beim nächsten mal, egal, geht ja jetzt auch so.
Mittlerweile hat sich ein weiterer hilfsbereiter Akteur von diesem Spiel verabschiedet: Der Fahrradständer. Irgendwann ist er bei einem Windstoß einfach nach oben weggeknickt und schlummert seit dem in der Radtasche sein restliches Ableben. Ohne ihn muss ich das Rad passend (linke Fahrradseite an den Schnee, also entgegengesetzt zur Fahrtrichtung) an eine der allgegenwärtigen Schneewehen lehnen oder auf Niklas warten. Niklas gibt zwar mehr gut gemeinte aber schlecht platzierte Ratschläge von sich als der gebrochene Hinterbauständer, aber hält im weiteren Gegensatz das Fahrrad wenigstens sicher fest.

Die Sonne hat ihre letzten Dämmerungstrahlen durch die Atmosphärenbrechung gejagt und die Sterne leuchten über dem dunklen Wolkenlosen Himmel. Wir sind ungefähr 35 km nördlich von Jokkmokk in Richtung Gällivare. Verlassen Jokkmokk mit schweren Herzen, da der seid über 400 Jahren jährlich stattfindende Wintermarkt in wenigen Tagen (Donnerstag bis Samstag) erst richtig anlaufen wird. Zumindest hatten wir die Gelegenheit die Eröffnungszeremonie am Sonntag mitzuerleben. Auch die ersten wenigen drei Stände am Montag Mittag konnten wir uns noch anschauen. Ich hätte gerne noch mehr vom Markt erlebt, noch mehr interessante Menschen kennengelernt aber einerseits fühlen wir uns von der Zeit gedrängt. Wollen wir bereits im ‚warmen‘ golfstrombepieseltem Norwegen sein bevor das kalt kontinentale Nordschweden von einer weiteren Kälteperiode (vor kurzem fiel die Temperatur auf minus 40° C) gefriergetrocknet wird. Andererseits fühle ich auch genug vom Markt und seinen Ständen erlebt zu haben. Ein Stand verkaufte Wollsachen, der Verkäufer pries seine Waren an, betonte dass sie aus dem Himalaya kommen. Nach etwas nachfragen erzählte er, sie sind in Manali eingekauft. Ich kenne Manali und ich mag es nicht. Ein weiterer Stand verkaufte überwiegend Schafsfelle. Das eingehüllte deutsche Verkäuferpärchen erzählte uns, die Felle stammen aus Polen und die zum Verkauf ausgelegten Alpakadecken natürlich aus Südamerika.
Mein Interesse am Wintermarkt von Jokkmokk ist durch das Interesse an der Kultur der Sami bestimmt und die wenigen Stände passen einfach nicht in mein romantisches Bild der stätig verblassenden Sami Kultur. Vielleicht trägt der Markt ja gar nicht die Kultur weiter, sondern bildet nur ein modernes Abbild im kommerziellen Einheitsbrei. Besser abreisen, weiter radeln, bevor sich dieser Gedanke noch verfestigt und meine schönen Illusionen trübt.
Zusätzlich steht in meinem Kopf der vegetarische Zwiespalt zu der allgegenwärtigen Pelzbegleidung. In Deutschland lässt sich Pelz wirklich nicht begründen oder schön reden, aber hier ist es traditionell das einzige was Mensch bei Kälte am Leben hält. Menschliches Leben wäre hier ohne die Haltung vom Ren niemals möglich gewesen. Naja, vielleicht sind wir auch die einzigen Vegetarier auf dem Markt. Sandra, unser Couchsurfing host, versteht unsere vegetarische Lebensweise auch nicht so richtig: „Hier das musst du probieren, das isst man hier so“ sie hält mir eine Plasikschüssel mit gefrorenen roten Bällchen vor. „Das ist Blut, oder?“ frage ich grinsend, freue mich über ihr Angebot aber wüsste nicht was ich damit anfangen sollte. „Ja Rentier,… ach ja so was isst du wahrscheinlich auch nicht“. Unsere Ernährungsphilosophien gehen zwar weit auseinander aber ansonsten ist sie ganz cool. Hat die halbe Welt bereist, besitzt einen der wenigen Tattooläden in Nordschweden und lebt zusammen mit zwei Pitbulls. Frank bspw. ist eine beeindruckende Muskelmasse die beim Gassigehen Sandra ruckelnd in alle Richtungen zieht.

Die E45 ist eine Fernverkehrstraße, welche die Südspitze Siziliens mit Nordfinnland verbindet. In Deutschland ist sie als A7 bekannter und läuft direkt an unserem Basecamp Göttingen vorbei. Welten weiter nördlich, bei glücklicherweise viel weniger Verkehr, strampeln wir auf ihr in Richtung Norden. Hier oben hat sie mit der dicken deutschen Autobahn wenig gemein, ist sie mehr eine frei gekratzte Eisrinne. Es geht leicht bergab, Niklas fährt kurz vor mir, ich in seinem Windschatten und schalte hoch, vom mittleren auf das große Kettenblatt. Die Kette springt über, ich denke wie immer, dass ich die Anschlagsschraube einstelle sobald ich mal an den Schraubenzieher kommen sollte, aber das es mir egal ist in diesem Moment und so Kurbel ich vorsichtig weiter ohne die Kette in der Dunkelheit sehen zu können. Doch diesmal schafft sie es sich verkeilt mit der Kurbel in ein auf Ewigkeit geschaffenes Gebilde zu vereinen. Ich bleibe stehen. Knapp 100 Meter weiter stellt Niklas sein Fahrrad auf dem Fahrradständer ab, sodass es die Schneeverengte Fahrbahn um ein Hindernis bereichert und kommt mit zur Hilfe geeilt. Er hält das Fahrrad während ich mit Taschenlampe ausgestattet erfolglos versuche das Gebilde zu entwirren. Nach wenigen Minuten gehen wir zu Plan B über und holen aus der einen Fahrradtasche das leicht erreichbare Multitool und nieten die Kette einfach auf. In einer weiteren Tasche krame ich nach neuen Nietstiften und kann das kleine Plastiktütchen einfach nicht finden. Ich krame und krame. Eine unvorteilhafte Situation bei minus 20°C am Straßenrand zu stehen und keine Kette mehr am Fahrrad zu haben, während sich die Standlichtkondensatoren langsam entladen und uns als dunkle Hindernisse in der vermeintlichen Einsamkeit der Fernverkehrstraße stehen lassen. Die meisten nordschwedischen Gefährte sind mit Fernlichtern überladen und erscheinen schon aus weiter Entfernung als leuchtende Lichtpunkte die die Nacht zum Tage machen. Genauso der Fernbus der aus Süden auf uns zu rast (normale Geschwindigkeit 90 km/h) ohne Anstalten zu machen uns auszuweichen. Ich halte die funzelige stets entladene Taschenlampe in seine Richtung und im letzten Moment weicht er aus. Eine Sekunde später und Niklas hätte mich mitsamt Fahrrad in die Schneewehe geschupst um dann selbst in die rettende Straßenbegrenzung zu springen. Wir drehen uns um, schauen ihm entsetzt nach als wir begreifen, dass ihm ein Auto entgegen kommt und der Fernbus wieder weit nach rechts schert. Niemals passen die beiden Fahrzeuge gleichzeitig an Niklas abgestellten Fahrrad vorbei. Im letzten Moment legt der Bus eine Vollbremsung hin, besteht den Elchtest und zeigt wie sonderbar wendig so ein Riese auf Eis sein kann. Glück gehabt. Beim nächsten mal werden wir bei so einer Situation die Räder nicht voneinander entfernt stellen … hoffentlich.
Ich krame weiter, die Finger kühlen aus, wo sind die Ersatznietstifte? Tiefer in der Tasche liegen Ersatzketten (mit je einem mitgelieferten Nietstift). Meine Fahrradtaschen sind schon lange nicht mehr wasserdicht und die untenliegenden Ersatzketten sind durch Eis fest mit der Tasche verbunden. Die Kälte verlangsamt jeden Schritt, jede Bewegung, alles versteift. Der Kettennieter am Multitool macht mir schon seit langem Angst, ist der Stift um den Niet zu drücken schon seit einer Ewigkeit krum und scheint bald zu brechen. Die Kälte macht ihn garantiert nicht weniger Spröde. Alles geht gut, die Schaltung schaltet und ich drehe noch schnell eine Umdrehung an der Anschlagsschraube. Gut das das Glück unablässig unsere Dummheit ausbügelt.

Wir fahren die wenigen Kilometer ins nächstgelegene Dorf Porjus. Ein weiteres Dorf dessen Existenz durch einen Staudamm zur Energieerzeugung begründet ist. Bevor sich Vattenfall ans Stauen machte gab es in der Gegend nur ein einziges Haus. Wir finden einen Schlafplatz nahe des alten Kraftwerks. Ein ‚Vindskydd‘, drei Wände und ein Dach. Leider ist das innere mit einem festen Tisch und zwei Bänken ausgebaut, was unser Lager etwas weniger komfortabel macht. Der Vindskydd ist von der Straße nur 30 Meter entfernt. Anders ausgedrückt trennt uns von dem Obdach nur die hohe Schneewand am Straßenrand und ein Meter hoher Schnee auf den weiteren 30 Metern. Wir schleppen alles einzeln und stellen die Räder in den Tiefschnee. In so einem Schnee braucht man selbst mit einem vollbeladenen Reiserad keinen Ständer, die stehen fest. Schnee ist toll, einmal dotzten Niklas und ich beim fahren aneinander und ich fiel nach rechts von der Straße. Es war der bequemste Unfall den ich je hatte. Nichts ist schöner als in tiefes weiches Pulver zu fallen.

Am nächsten Morgen fahren wir nicht mal aus dem Dorf raus bevor wir unsere erste ausgedehnte Pause einlegen. Ein gemütlich aussehender Laden in einem alten Holzhaus zieht uns magisch an (laponiashop.com). Die Besitzerin ist aus Deutschland ausgewandert und scheint an diesem Ort den Platz in der Welt gefunden zu haben, an dem sie sich wirklich wohl fühlt. Ihr Laden ist schön, und etwas chaotisch (was auch an den Marktvorbereitungen für Jokkmokk liegt). Sie verkauft alles was mit der Gegend zu tun hat und alles was Mensch so gebrauchen könnte. Uns verkauft sie nichts, wir dürfen natürlich auch Pause machen und unser mitgebrachtes Essen futtern ohne was zu kaufen. Sie füllt unsere Thermoskannen, erzählt vom Leben, der regionalen Geschichte und das die Gärbereien für die Rentierfelle fast ausnahmslos in Finnland sind. Naja, besser als Nordseekrabben zum Pulen nach Marokko zu schicken.

Nachmittags erreichen wir Gällivare. Ursprünglich war die größere Ortschaft Malmberget (Malm ≈ Erz) aber der Erzabbau unterhöhlte sie, sodass das tiefer liegende Gällivare wuchs. Die Zeit in der warmen Bibliothek vergeht schneller als erwartet und wir unternehmen ein fast tägliches Ritual, verkürzen die für den Tag vorgenommene Wegstrecke rapide und suchen ohne Umwege einen Schlafplatz. Das Thermometer sinkt knapp unter die tiefste Markierung der Skala, minus 30°C. Der Himmel ist klar, nichts ist über uns und wir liegen auf Festgefahrenen Schnee. Für den Konservendosenkocher haben wir die feste Schneedecke ca. 15 cm bis auf den Boden freigeschaufelt. Die Suppe brodelt, Niklas liegt in seinem Schlafsack sieht aus wie eine riesige Made. Er liest vor. Ich füttere die Made ab und an mit gefrorenem Brot, schiebe ihr Scheiben ins Luftloch. Wenn er sie von innen greift sieht es aus als würde das wulztige Ungetüm sie einfach einsaugen. Bei diesen Temperaturen braucht es keinen Fahrtwind, dass der Atem einem im Gesicht gefriert. Alle Haare, die Klamotten werden von einer frostigen Schicht überdeckt. Alles wird fest, Bananen schälen erinnert in solchen Momenten mehr an die Tortur einen großen Kürbis zu pellen. Kartoffeln müssen mit aller Kraft zerhackt werden. Zwiebeln scheinen nicht mehr aus einzelnen Schichten zu bestehen und lassen sich ähnlich Quitten schälen. Getränkekartons schneiden wir immer in der Hälfte auf und drücken den Klotz in einen Topf. Das Alu Pusterohr fror einmal an meiner Schaumstoffisomatte fest und entriss ihr ein winziges Stück. Das Messer ablecken wäre eine fatale Idee und unsere Löffel sind in Voraussicht aus Holz. Sandra machte uns in Jokkmokk darauf aufmerksam, dass die ‚Kühlschränke‘ der Getränkestände auf dem Markt innen weitaus wärmer sind als die Außentemperatur. Bei wirklich kalten Tagen muss das Bier direkt getrunken werden ansonsten gefeiert es nach dem Servieren im Glas. Es erinnert mich an meinem ersten ungedämmten Winter in Göttingen. Wenn ich Besuch bekam, bot ich Bier an und legte die Flaschen anschließend zum Tauen in den Ofen. Gut das ich keinen Alkohol mehr trinke, gibt es doch gerade fürs Reisen (Gewicht- und Volumenreduzierung ;) ) weitaus besser geeignete Drogen. Aber bei minus 30°C und steifen kalten Fingern kann das Eintüten dieser ein zäher Vorgang sein. Mehrmals müssen die ungeschützten Finger unter der Jacke verschwinden um sie wieder mit Leben zu beglücken. Aber selbst unter diesen Bedingungen sind die routinierten Griffe erfolgreich.
Die Suppe ist fertig, wir halten je einen Topf in unseren Händen und saugen die Wärme auf. Über uns ergießen sich Scharen aus grünen Wirbeln durch den klaren Nachthimmel, tanzen und schlagen Wellen unglaublicher Schönheit.

4 Antworten auf Hätte, hätte, Fahrradkette

  • Sandi

    wow..klingt als hättet ihr ne wirklich tolle Zeit. Passt weiter gut auf euch auf und genießt es! Viele Grüße und ne dicke Umarmung aus dem 12 Grad warmen Kassel.

  • Conni

    Oh Menno ich kann mich noch erinnern an den Sommer, wo wir es schön warm hatten und wir über die Reise redeten und die Vorstellung bei -30 kaum vorstellbar war und jetzt musst du lieber Andji die kleine faule Raupe äh Made füttern…hoffe er verwöhnt dich auch mal im warmen Schlafsack….lächel…echt nett euch zu verfolgen, neben dem Ofen aus Schweden der vor sich hin lodert..schicke euch ein bisl Wärme und hole schon fleissig Holz aus den Wald für den nächsten Winter,,liebste Grüsse von Conni

  • Rainer

    Moin Niklas!
    Man ihr seid ja echt schon weit gekommen! Dann ist ja bald wohl der Wendepunkt erreicht? Ich drück euch die Daumen, dass ihr weiter auf dem Icehighway gut langbraust.
    Ich hab mir gerade schöne warme Arbeitsstiefel gekauft, die könntest du wahrscheinlich besser gebrauchen, denn hier ist noch immer kein Winter in Sicht.
    Gute Reise weiterhin!
    Rainer, Sudheim

  • Hrvoje Juric

    Hey guys, I’m cycling from Oslo to Nordkapp, currently I’m at Fauske and in 2-3 weeks I’ll finish my trip.

    Are you already pass the north of Norway? Maybe we can meet somewhere.

    I wish you all the best and safe end of you journey! ;)

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