Makvärket

Makvärket - man beachte die schaukelnden Leute in der Mitte des Bildes in der Öffnung im Haus!

Makvärket – man beachte die schaukelnden Leute in der Mitte des Bildes in der Öffnung im Haus!

Etappe X: von Svendborg nach Makvärket (man musste den Zug nehmen um von der einen Insel zur anderen zu kommen)

Etappe 10: von Svendborg nach Makvärket (man musste den Zug nehmen um von der einen Insel zur anderen zu kommen)

Ich bin ziemlich erschöpft am Abend in Makvärket angekommen. Es ist eine ehemalige Keramikfabrik die ein bunter Haufen von Leuten mit neuem Leben füllt. So ziemlich das Erste, was geschah nachdem ich völlig überwältigt vom ersten Eindruck meine Sachen in ein Zimmer gelegt hatte, war Sauna. Sonntag ist Saunatag. Alles klar, ich war seit ungefähr 12 Jahren nicht mehr in der Sauna, ich glaube ich war übersättigt nach Dauer-Saunieren mit meiner Familie in der Alpenhütte. Aber gut, ich esse mittlerweile ja auch Brokoli, also warum nicht nochmal Sauna probieren. Wir gehen also einmal um den riesigen Klinkerbau rum auf eine große Wiese, auf der neben der Sauna noch eine kleines Hobbit-artiges Hüttchen, eine Jurte und eine Massagebank (eine aus Sperrholz ausgesägte Körpersiluette, mit Isomatte beklebt) stehen. Schwitzhütte ging voll klar, die haben auch nicht so krass eingeschürt. Dann, in der untergehenden Sonne, mit der Gießkanne vor der Tür sich gegenseitig das kalte Wasser übern Kopf gegossen. Ziemlich kitschig-klischee-paradiesisch, haha! Durchgegart, haben sich die 100 Kilometer in den Beinen von potentiellen Muskelkater in wohlige Erschöpfung verwandelt. Nach dem gemeinsamen Abendessen, selbstgemachte vegane Pizza gabs, habe ich geschlafen wie ein Baby.

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Habe im Umsonstladen einen Band eines alten dänischen Lexikons gefunden und einige Szenen festgehalten, sowie ein Lager dieser alten Keramik-Gussformen die dort noch überall rumstehen. Sie sind wirklich wunderhübsch!

Makvärket ist eine Wortneuschöpfung. Es bedeutet wörtlich wie Pfuschfabrik. Gemeint ist aber eher sowas wie Improvisationsfabrik. Es geht darum, mit den Mitteln die man zur Verfügung hat das bestmögliche zu erreichen. Auch wenn das dann nicht perfekt ist.

Jemand hat vor Jahren die verfallenden Backsteinbauten für eine Krone gekauft und seitdem werden sie langsam aber sicher in einen wunderschönen Ort des kollektiven Lebens umgebaut. Die Menschen werkeln tagein, tagaus an verschiedenen Projekten, renovieren die Räume, verputzen die Wände in traditioneller Technik mit verschiedenfarbigem Lehm, bauen Hochbetten, jäten Unkraut, werfen Nacktschnecken so weit weg wie möglich, schrauben Fahrräder zusammen, mähen Wiesen mit der Sense, es gibt 1000 Sachen zu tun.
Ich habe in der Woche, die ich dort war das Lampen- und Kabellager auf den Kopf gestellt und aus 50 teilweise kaputten Lampen 20 funktionierende gebaut. Und dann noch einige in den neuen Schlafzimmern an den Betten und an den Wänden angebracht. Meine Meisterwerke waren einfache Lampenfassungen in alte Plastikboxen als Lampenschirme reingeschraubt. Außerdem habe ich geholfen eine der Wände mit blauem Lehm zu verputzen. Und im Gang hab ich so Fantasietiere hingemalt.

Der Wald war schon da, mit einer Aufforderung, doch Tiere hineinzumalen. Ich bin dem nachgekommen..

Der Wald war schon da, mit einer Aufforderung, doch Tiere hineinzumalen. Ich bin dem nachgekommen..

Bei all den Aufgaben sich auch noch um das Essen zu kümmern wäre ziemlich nervig und aufhaltend. Das ist hier bei uns in der Quelle auch oft ein Problem gewesen. Da arbeitet man einen halben Tag, ist voll drin aber irgendwann gehts einfach nicht mehr weiter weil der Bauch gefüllt werden will. Und sich dann um Essensbeschaffung, geschweige denn um Zubereitung zu kümmern ist immer wieder hart. In Makvärket läuft das anders: Jeden Tag (außer am Wochenende) gibt es 3 feste Mahlzeiten – Frühstück um 8:30, Mittagstisch um 12:30 und Abendessen um 19h. Jeden Morgen wird ausgemacht wer welche Mahlzeit übernimmt. Dann kocht man eben drei Mal in der Woche für 15 Leute, muss sich aber den Rest der Zeit darüber keine Gedanken machen. Und wenn alles Gemüse, Obst, Brot und Lemoncakes wieder aufgebraucht sind, geht ein Team, mit Stirnlampen, Bäckerkisten und Handschuhen bewaffnet, die Tonnen in der nächsten Kleinstadt plündern. Ein Auto voll bis oben hin reicht ungefähr eine Woche, je nachdem wieviele Leute die Belegschaft gerade zählt. Die Kisten werden am Abend ausgeladen und am nächsten Morgen wird die Beute gewaschen, auch die Plastikverpackungen der Lemoncakes (die gibts scheinbar jedes Mal in rauhen Mengen) und in ein Abtropfgestell gepackt und später in die Vorratsregale einsortiert.

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Der Lehmofen in Drachenform im riesigen Wohn- und Esszimmer. Er geht einmal rund rum an der Wand entlang und man kann sich draufsetzen. Sicher genial im Winter!

Das Makvärket-Kollektiv ist glaube ich die am Besten organisierte und sauberste Gemeinschaft die ich bisher gesehn habe. Jeden Montag ist Putztag. Einmal in der Woche trifft sich die momentane Belegschaft zum „Factory Meeting“.

Es wird jedes Mal diese Liste abgearbeitet: Erst gibt es eine Vorstellungsrunde mit

  • Namen
  • Pronomen (das heißt man sagt ob man mit er oder sie angesprochen werden möchte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen, aber irgendwie hat es was Gutes genau das mal nicht selbstverständlich zu sehen)
  • Unverträglichkeiten bzw vegan oder vegetarisch
  • Flashlight (Kurzer „Bericht“ über das eigene Befinden)

Dann gibt es eine Runde mit Messages, d.h. jedeR der/die etwas mitzuteilen hat, kann es hier sagen.

Als nächstes werden TOPs gesammelt und der Reihe nach durchgesprochen.

Danach kam glaube ich die Verteilung der wöchtenlichen Verantwortlichkeiten. Wer übernimmt

  • Küche in Ordnung halten
  • Garten gießen und so
  • Kompost rausbringen
  • Wohn- und Esszimmer
  • Werkstätten
  • Freeshop

Anschließend gabs das Hosting-Update, Anfragen werden durchgesprochen und dann quasi so Paten bestimmt.

Nächter Punkt war Skillsharing. Die Leute konnten sagen ob sie was zeigen könnten oder ob sie was bestimmtes lernen wollen. Da ist einiges zusammengekommen: Ein Schweiß-Kurs, ein Jogging-Workshop und ein Vortrag über luzides Träumen.

Und als Abschluss noch der Spaß: Cultural evenings konnten vorgeschlagen werden. Es wurde eine Jamsession und ein Sport- und Spieleabend einberufen!

Das große Monatsplenum

Das große Monatsplenum

Zufällig war auch die monatliche Hauptversammlung als ich da war. Aber sie war scheinbar überdurchschnittlich entspannt weil alle gerade im Urlaub waren, eben aus dem Urlaub gekommen sind oder bald in den Urlaub fahren würden. Die ausgiebigste Diskussion war auch, wen man mit auf den gemeinsamen Makvärket-Trip einladen sollte. Aber normalerweise geht das wohl den ganzen Tag lang, mit Mittagspause und so…

Der Dachboden, so gut wie leer. Nur ein paar Regale mit Keramik-Gussformen standen rum.

Der Dachboden, so gut wie leer. Nur ein paar Regale mit Keramik-Gussformen standen rum.

Ein gigantisches Materiallager haben die Makvärkler mit der Zeit angelegt. Es gibt gefühlt jedes irgendwie benötige Bauteil. In einem Raum ist das Holz, in einem anderen verschiedene Sorten Ziegel, im nächsten Waschmaschinen und Herde, ein Regal voller Farbeimer, ein Lager mit Tischen und Schränken und immerwieder kann man zwischendrin die Überreste der alten Fabrik entdecken. Im Umsonstladen stehen zum Beispiel noch die alten Öfen.

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Die Bibliothek im Umsonstladen

Auf der Wiese vor dem Haus stehen 6 Kompostklos, in denen man sich in Tanks erleichtert. Ich hab keine Ahnung wie die da die Scheiße wieder rausbekommen… Und es gibt eine Solar-Dusche, die wunderbar geräumig ist. Man steht auf Kieseln und lässt das sonnengewärmte Wasser über sich laufen und kann danach auf der Wiese in der Sonne trocknen. Weiterhin erwähnenswert ist das bestimmt 15 Meter hohe Baumhaus, wo man auch übernachten kann. Hab ich leider versäumt. Nächstes Mal!

Schaukeln vor dem Geräteschuppen mit Blick auf den Garten. Große Teile des Bodens sind verseucht, was die Nutzung erschwert...

Die Schaukeln vor dem Geräteschuppen mit Blick auf den Garten. Große Teile des Bodens sind verseucht, was die Nutzung erschwert…

Was ich allerdings nicht verstehen konnte war, dass keine einzige dänische Person da war. Es kamen schon ab und zu welche zu Besuch und auch beim großen Treffen waren dann viele DänInnen da, aber dauerhaft haben sich keine Einheimischen an diesem Ort aufgehalten. Was ihm irgendwie ein bisschen einen Hostel-Charakter verliehen hat… Was ich ja wiederum immer nicht so gerne mag… Und für die Leute die läger dort sind ist die Fluktuation glaub ich auch sehr anstrengend. Ich hab auf jeden Fall mitbekommen, dass diese Leute „müde“ sind. Und überlegen wegzugehen. Man muss aber auch sagen, dass im Sommerloch dort war, und dafür gings ganz schön ab eigentlich!

Makvärket war ein Ort, an dem ich ewig hätte zeichnen können. Hier der Rest meiner Eindrücke:

Einen Teil des Ganges zwischen den beiden Gebäuden haben sie mit Glas überdacht. Der Rest soll nächsten Sommer mit der Unterstützung von Axt und Kelle gemacht werden.

Einen Teil des Ganges zwischen den beiden Gebäuden haben sie mit Glas überdacht. Der Rest soll nächsten Sommer mit der Unterstützung von Axt und Kelle gemacht werden.

Die Terrasse. Ist wirklich überwältigend schön.

Die Terrasse. Ist wirklich überwältigend schön.

Nach 10 Tagen in dieser Paradies-Blase bin ich gemeinsam mit einem der Makvärkler mit dem Rad nach Kopenhagen gefahren.

Das reicht jetzt aber! Ich teile Teil 3 – Makvärket und Kopenhagen hiermit in zwei Teile auf.

Folglich up to come: Teil 4 – Kopenhagen und ab nach Hause.

Hier kannste Teil 1 und Teil 2 meines Radl-Tour-Berichts lesen.

3 Antworten auf Makvärket

  • Simone

    Hi! great reportage from a great place, thank you for sharing.And Beautiful drawings. are you coming by here again? it’s already cold enough and snowy. Peace from Svinö. Simone

    • Luhukasu
      Luhukasu

      thank you! so far I have other plans, to go to france… but when I would like to go back there one day. You were there as well? (I am not sure if you understood that I am not andi? because I am not so much into cycling in the snow ;) he invited me to join his blog)

    • Happy Homeless Hippie
      Happy Homeless Hippie

      Hej simone, I’m just about to prepare coffee but the leftovers from yesterday became a solid frozen issue. Winter is slowly arriving here as well. I moved to a beautiful forest near Berlin (about 50-100 crazy people, 50ha forest and some ’squatted‘ old Stasi-Buildings ). Very comfortable, I have two tarps and I love pinewood :)
      How are you, how is your family? nice to hear from you.
      Do you have ever been dumpstering in storsvik? I really recommend, i even remember the village name. we were really hard struggeling puzzleing the treasures on our cycles. we made even use of the top secret dumpster bike packing technique (eating a lot of chocolate directly out of the bin, so it just disappears from attention)… but were just able to pack a small part.

      The story above is not from me. Luhukasu wrote it. We were cycling in the baltics this summer together with beautiful bike loving people from ecotopia biketour… other story, another time

      Do you want to post your italy-sweden bike adventures here? in swedish or italian? Would be really nice. If you want.

      wish you a warm comfortable winter. hhuii, i remember your lovely kitchen with more than 40°C difference to the outside world. And a window that appeared quite panoramic when the sun rises and sets at the same place ;)

      spread some hugs to your family. Greetings Andi

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