Ostara

Vom Zeitgefühl, jenes wie es die in ihrem Motorblech empfinden oder das, welches die Städte grau ummalt, von diesem fühle ich mich weit entrückt. Es synchronisiert unsere Gedanken und sagt uns wann wir uns frei fühlen dürfen. Ich beschließe für heute, und schreibe es in mein Tagebuch: „Es ist Freitag!“ Es ist ein freier Tag! Ich gehe heute nicht zur Arbeit, schreibe stattdessen Tagebuch und lache bei jeder Zeile. Nicht nur irgendein freier Freitag ist heute. Nein! Es ist ein ganz besonderer, ein höchst heiliger Tag im kosmischen Miteinander. Ob wirklich heute der Tag ist, welcher genauso lange ist wie die Nacht, sicher bin ich mir dabei nicht. Aber wenn ich schon mit mir ausmache, dass heute Freitag ist, so lebe ich ihn frei aus. Zelebriere den Feiertag. Mutter Sonne zeigte sich jeden Tag ein bisschen länger. Wenn auch die letzte Zeit meist dauerhaft diffus durch eine dichte Dauerregenwolkendecke am Himmelszelt. Lange schon schaute ich diesem Tag entgegen, sehnte mich nach ihm. Im flackernden Schein einer Kerze oder im Lichtkegel der Taschenlampe die Nächte aufnehmend, ist die Sonne mein Rhythmus. Ich bin ihr nahe, Sie schenkt uns das Leben. Glückseligkeit kitzelt durch meinen Körper. Bewusstsein. Liebe!

Unter einer Fichte habe ich mein Lager aufgebaut. Am Hang, im Wurzelbett, auf einer dicken Moosschicht, die mehr aus Wasser zu bestehen scheint als aus Moos. Wie auch alles andere hier größtenteils aus Wasser besteht. „Wasser ist Leben“ geht es mir durch den Kopf. Ich lebe übersättigt, tropfe vor Leben. Tag täglich lebe ich. Im Trommelwirbel dicker Tropfen. Das Kleid der Fichte über mir muss schon vor einigen Tagen gesättigt gewesen sein. An allen Spitzen bilden sich Tropfen, wachsen und ergießen sich prasselnd auf dem Tarp. Seit dem Morgen wird der Regen stärker, auch die Ungeduld der Tropfen.

Das Tarp gespannt zwischen der Fichte und dem Fahrrad. Jeder Hering mit dicken Steinen beschwert. Im inneren abgestützt durch fast armdicke Stöcke. So habe ich mich hier fest gemacht. Im Angesicht der sich entleerenden endlos Wolken. Abseits der schützenden Fichte liegen die weißen Niederschlagsreste der letzten Tage. Heute ist es wärmer, so tropft es nur und flockt nicht mehr. Während der Nacht zuvor fand ich mich aus meinen Träumen gerissen unter einer ca. 10cm dicken nassen Schneedecke wieder. Der Boden hielt die Heringe nicht fest, so war ich dem Schnee recht nahe und wechselte ein paar Aufbauvarianten bis ich einen zwei Finger dicken Ast stützend in die Mitte stellte. Als gegen Mittag auch dieser krachte fuhr ich weiter. Erledigte ein paar Besorgungen: Ein neuer Ersatzschaltzug (einer riss am Tag zuvor), Kettenfett, Supermarktcontainerfrüchte (darunter viele Bananen, Nudeln und Knäckebrot) und das wichtigste: Feuerholz. Trockenes Holz. Wie ein Mantra geht es mir gerade durch den Kopf „trockenes Holz“.

So sitze ich hier unter dem Tarp, vor mir die Feuerstelle, eingebettet in das Wurzelwerk, etwas erhöht und sehr bequem. Eine zerschnittene Konservendose, darüber der mit Wasser gefüllte Kessel, umkreist von einer Aluminium Offsetdruckplatte als Windschutz und Wäschetrockner. Schaue mich um, aus meinem Palast heraus das Mantra summend. „Trockenes Holz“. Nur in meiner Plastiktüte! Nirgends hier! Jedes Stück Holz könnte man ausringen, niemals anzünden. Unmöglich! Eine ungebremste Wertschätzung bringe ich dem trockenen Feuerholz entgegen. Dieses fand ich ungefähr zwanzig Kilometer vorher unter einem Felsvorsprung. Die Konservendose als Feuerstelle, mein heiliger Kral. Wärme spenden sie zusammen. In eisigen Nächten bildet es die Lebensader. Kauer ich davor, im Schneidersitz, umgeben vom Schnee mit meinen Händen nahe am Kral. Meist lese ich dabei, trinke Tee und esse Suppe. Wärme. Wärme im Eis. Nahrung und flüssiges, sogar heißes, Wasser. Dem Leben am nächsten ein warmer Hauch.

Bewusstsein im klaren Gedanken und höchster Wertschätzung meiner Mitwelt. Vielleicht sitze ich deshalb hier? Hocke auf einer Matte im Nassen Moos. Nicht einmal zwei Quadratmeter und auch nur wenig durchnässter als die Umgebung. Schaue ich durch den Regen in das Tal. Dort liegt Førde. Ich kann es sehen aber das Trommeltropfen übertönt die Nähe zur Zivilisation. „Wer im Tal teilt meine Gedankenwelt?“ frage ich mich „Wer ist der Liebe zum Leben so nahe in diesem Augenblick?“ Vielleicht, wer weiß, ich nicht, sie wissen es auch nicht, doch würden wir es lieben das Glück zu teilen und es wirklich empfangen.

Wie schon erwähnt ist heute Feiertag. Tag-Nacht-Gleiche (wahrscheinlich nur fast-Gleiche, aber das ist irrelevant). Fahren kann ich heute sowieso nicht. Schätzungsweise 50 Millimeter Niederschlag ergießen sich heute, genau weiß ich es nicht. Wickelte ich mich heute Morgen aus dem klammen Schlafsachen entfachte das Leben in der Konservendose und beendete ein Buch. Ein Radfahrer bei über 40 Grad und Wassermangel durch das Australische Outback. Eine abwegige Landschaft, am Rande meiner Vorstellung. Weit entfernt von meiner Gefrierpunktreise. Und auch ‚nur‘ mein Interesse über Fahrradreisen beglückend lege ich das Buch zurück in die Taschen. Kaffee fertig (containerter, hurra!) dazu Hessens Märchen „Flötentraum“. Nur ein paar wenige Seiten, und doch liegt in ihnen so viel. Der Regen tropft, donnert und untermalt die Geschichte. Ich lese weiter, lauter und schneller, finde mich in seiner Welt wieder und fühle die Farben mit der er die Liebe malt. Lese sie laut, den Fichten, den Birken, dem Moos, jedem zartem Grün, der Kälte und dem Feuer, dem Wasser, das in tosenden Bächen den Fels hinter mir herunter kommt.

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