Übers drüber hinweg und das mitten hinein

Flughafen, Flugzeug. Eine surreale Welt, übergestülpt über das, was es zu bereisen gibt. Vor mir, in der Kopfstütze, die Weltkarte. Das Flugzeug fängt an zu rollen. Ich starre auf die Karte, träume von der Welt und trauere, über das Hinwegfliegen. Der Kopf meines Vordermanns, der bis eben noch wenige Zentimeter von der, vor mir liegenden Welt, getrennt war, ragt langsam mit samt seinem elektronischen Gedächtnis rechts neben der Karte, neben der Kopfstütze, hinaus. Den Flughafen auf Film bannen?! Warum? ganz abgesehen von der Dunkelheit! Er filmt. Wir fliegen. Er filmt. Er filmt immer noch. Ich sehe keinen Grund für das was er macht, weder für das was ich mache, während wir uns tausende Meter über Osteuropa befinden. Ich möchte doch die Welt leben, nicht ihr Abbild! Fliegen muss so wunderschön sein, wenn man das Filmen des endlosen und schwarzen Horizontes für sich erkannt hat.

Ich Versuche zu schreiben. Ich habe keinen Stift. Ich habe keinen Grund, ich habe keinen Kopf. Ich bin überfällig, dem Übergestülpten überdrüssig.
Das schwarze Meer, ich schlafe ein. Eine halbe Stunde Später wuselt es wieder um mich herum. „coffe? Tea?“ die übermalte Stewardess fragt mit einem aufgesetzt strahlenden Lächeln.
Ich schwimme mit meinen müden Gedanken im schwarzen Kaffe umher (auch ohne einen bestellt zu haben) und schaue auf die vielen und dauernd umherschaltenden verschiedenen Uhrzeiten über der Karte … alles bestens ich habe genügend Schlaf. In welcher Zeit auch immer.

Unter mir Bagdad, vor mir ein deutscher Kinderfilm. Neben mir ein Amerikaner (glaub ich). Er starrt auf seine Karte. Hinter uns Abgase.
Vor mir ein deutscher Kinderfilm. Neben mir der wache, geradeaus blickende Amerikaner. Durch die Fenster, auf der anderen Seite des Flugzeugs, der Sonnenaufgang. Hinter mir Abgase. Um mich herum wird es langsam hell. Unter mir Wüste. Vor mir: er schläft, seine Kamera ist aus.

Nach Stunden langen im Kreis laufen in Abu Dhabi und einem weiteren Flug, schreite ich vorbei an den aufgesetzten Stewardessen, hindurch in eine Luft, die sich langsam durch meine Nase beißt und inneres durchkitzelt. Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben, sprudelnde Gedanken durchwirren meinen müden Kopf. Hektik, umherrenennende Menschen, laut durch den Staubigen alten Flughafen drängelnd. Stempeln hier, Unterschrift dort. Ich schleuse mein Gepäck durch die letzte Kontrolle. Ein magerer Sicherheitsmann passt auf, dass alles mit rechten Dingen vor sich geht, während der Mann hinter den Monitoren der Gepäckkontrolle mit geschlossenen Augen den Kopf auf dem Tisch ausruht.

Es ist dunkel (ca. 9pm. Kein Strom, aber nichts besonderes) und mein Abholservice rast mich durch die von Hunden und Menschen durchzogenen Straßen. Schwarze Rauchwolken aus LKWs, Laute drällernde Nepalesische Radiomusik übertönt von noch lauteren allgegenwärtigen Hupen. Er spricht kaum Englisch, aber mein Hindi funktioniert so weit ganz gut, zum sinnvollen Unterhalten reicht es nicht, aber jeder von mir neu gebildete Satz bringt ihn zum lachen.

Dal Bhat (Linsen und Reis), Gemüse und ein Everest Beer. Freudig genährt laufe ich zurück durch die dunklen Straßen. Autoabgase, Schweiß, Essen, Müll und Feuer verbinden sich in der schweren warmen Luft. Es ist gegen Elf und die Stadt ist relativ tot. Ich auch, tot und grinsend.

Draußen bellen Hunde, neben mir surrt ein Insekt. Ich greife nach der Taschenlampe und schreite zur Toilette. Leider western slyle (also mehr als nur Loch), aber nasser Boden, kein Klopapier, eine bepinkelte Klobrille und die Zigarette vom Vorgänger zieht auch noch ihre Bahnen.*
Ich gehe ins Bett … der Strom wacht wieder auf. Mit ihm die Leuchtstoffröhren überm Bett. Ich werde erleuchtet, ich möchte was schreiben mein Kopf ist voll.

* Das Hotel ist super, recht sauber und in einem besseren Zustand als alles, was ich mir selbst besorgt hätte.

Karte

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Übers drüber hinweg und das mitten hinein