Ungezwungen irren wir gen Norden

Das Glück zu haben die Dinge tun zu können, die uns am Herzen liegen, diese frei entwickeln und auch in Taten umsetzen zu können, ist fuer uns viel zu oft eine Selbstverständlichkeit geworden. Wir können es uns aussuchen, wo wir uns in Europa aufhalten wollen, egal ob wir von Deutschland aus in den Norden, den Osten, den Westen oder den Süden fahren. Wir haben sogar die Freiheit in jedem beliebigen Land der EU unseren Wohnsitz zu beantragen um dort zu leben. Eine Freiheit die uns ein schönes Gefühl vermittelt.

Mit diesen Gedanken befinden wir uns in einer Volkshochschule in Norberg, einer der schöneren Kleinstädte, durch die wir auf den Weg nach Norden von Fagersta aus kommen. Hier in der Volkshochschule treffen wir den Lehrer Henry Lehto, den wir auf Anraten der Schokoladenfrau Allanah aus Askersund besuchen. Wir stehen in einem Vorraum, in dem sich etwa 20 Flüchtlinge aus Syrien befinden. Sie haben gerade Pause von ihrem Schwedischkurs und unterhalten sich. Henry bietet uns Kaffee an. Wir setzen uns auf eines der mehreren gemütlichen Sofas und kommen schnell mit einigen Syrern ins Gespräch. Wie die meisten Menschen hier in Schweden sind auch Sie sehr überrascht darüber, das wir gerade im Winter mit dem Fahrrad durch dieses eisige Land fahren. Die Gedanken an das anfangs Geschriebene werden uns plötzlich ganz unangenehm als wir mehr und mehr von unserer „just for fun – Reise“ erzählen.

Wir sind nach Schweden gekommen, weil wir etwas Neues erleben und Interessantes entdecken wollen. Einfach raus aus dem Alltag, andere, ja täglich neue Erfahrungen machen. Menschen kennen lernen, die ein anderes Leben führen und deren Sichtweisen auf diese Welt eine so ganz andere ist, wie die unsrige. Die Flüchtlinge sind bekanntlich aus Gruenden des Krieges und der Flucht vor Unfreiheit von ihrem Heimatland aus nach Europa gekommen, um hier die Chance zu erhalten ein neues Leben aufzubauen. Meist noch in der Unwissenheit lebend, irgendwann einmal zu Ihren Liebsten, der Familie und den Freunden zurückkehren zu können. Dies und auch die Unsicherheit ein langfristiges Bleiberecht zu erhalten, stellt fuer uns ein unwirkliches, kaltes Gefühl dar.

Der Schwedischkurs wird in einem Nebenraum fortgesetzt. Wir diskutieren noch etwa zwei Stunden mit Henry und einem seiner Kollegen ueber die aktuellen und auch zukuenftigen weltlichen Probleme. Es geht heiss her. Themen wie die Fluechtlingssituation, den weltweiten Bevölkerungsanstieg, den explodierenden Ressorcenverbrauch, sowie den sich daraus ergebenden Umweltzerstörungen, der sich vermehrenden Wasserknappheit, der Bodenzerstörung, dem Klimawandel usw. schlagen wir uns gegenseitig in einer sehr konstruktiven und verständnisvollen Art und Weise um dir Ohren. In der Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlage bleibt uns Einzelnen letztlich – neben einen starken Optimismus an den Glaubens des Guten zu bewahren – nur eines, ein Bemuehnen in uns zu finden, jeden Tag von Neuem eine etwas umsichtigere Lebensweise zur wilden Natur und unserer Mitlebenswelt zu entwickeln. Wir sind selbst ein Teil dieser und wenn wir näher fuehlen, tiefer ins Bewusstsein dieser so mannigfaltigen Erde eintauchen; spüren wir, dass wir selbst diese sind. Es ist die blaue Blase in der auch zukuenftige Generationen leben möchten.

 Am gleichen Abend (Di. 12.01) kommen wir nach 17 km leichtem Schneetreiben in Svinö (Dala Husby) an. Ein kleinen typisch rotes Haus mitten im Dalarna-län. Hier verbleiben wir insgesamt drei Nächte. Durch Warmshower.org lernen wir Simone, seine Frau Hannah, Nikolai (4) und Marta (1 1/2). Es sind zwei ruhige, aber gesprächsreiche Tage. Schrauben ein wenig an den Rädern rum, Nähen Arm- und Beinstulpen, eine Mütze und einen Taschenguertel an die Rückseite eines Pullovers, um die Akkus während der Fahrt vor der Kälte ein wenig schuetzen zu können. Es ist angenehm und einfach entspannend einmal etwas anderes zu tun. Morgen jedoch geht es dann das erste Mal in die wirklich eisige Kälte. (Aktuell zeigt das Thermometer an der Aussenwand des Hauses minus 25,3 Grad an und Morgen soll es noch Kälter werden. Bei plus 15,9 Grad lässt es sich hier drinnen noch wirklich relaxen.

… Mittlerweile sind wir schon ein riesiges Stueck weiter im Norden, gerade in Bjurholm.

Eine Antwort auf Ungezwungen irren wir gen Norden

Karte

click to load map

Ungezwungen irren wir gen Norden