Von Ballons und Bergen

Der grüne Ballon fliegt schnell hoch und wirbelt langsam durch den Raum, zwischen den Armen der springenden Kinder. Der kleinere gelbe liegt Sekunden unbeachtet auf dem Boden. Plaatz! Der kleine gelbe ist jetzt flach. Grün und Rosa fliegen noch. Mal hoch mal tief und schwer umkämpft. Der kleine langhaarige Junge, stolz mit dem großen grünen Ballon zwischen den Armen, rennt tapsig zu mir, auf die andere Seite des Raumes. Seine Beute schützend fest an sich gedrückt. „Noch einen! Noch einen!“ er spricht Kumauni aber jeder würde verstehen, was er will. Nach kurzer Diskussion (Nein! Doch! Nein! Doch! … na gut) gebe ich auf und blase einen großen roten Ballon auf. Größer und größer. Sein einer Arm den grünen umschlossen, greift er nach dem roten. Beide gleichzeitig, mit ausgestreckten Armen fällt er einfach um und gibt seine Beute reichlich unfreiwillig zwischen die vielen Hände. So ist das mit dem Besitz. Wenn es zu viel wird fällt man um. Ich bin kurz davor, aber habe immer noch irgendwie Überblick. Mein Bücherregal ist im Moment zum Teil auf meinem Rücken, ein bisschen liegt zwischengelagert bei einem zerzausten Heiligen aus Kathgodam, der Rest ist verkauft, verschenkt oder auf dem Weg nach Deutschland. Mein Küche ist im Rucksack, mit samt Kerosinkocher, Dampfdruckkochtopf, Wok, Espressokocher, Teller … denn theoretisch bin ich gerade wandern. Irgendwo in Uttarakhand, hoch zum Pindarigletscher. Theoretisch habe ich eine Matratze dabei, die ich einer netten Omi vor zwei Jahren versprochen habe, falls ich noch mal in die Nähe kommen sollte. Praktisch bin ich zwar irgendwo in Uttarakhand aber leider nicht in der Nähe des Gletschers und trage auch leider keine Rückenschonende Matratze mit mir herum. Straßen zu, Brücken weg und ein viel zu kurzer Zeitplan. Mein Visum schrumpft von Tag zu Tag dahin, und im Stau Tage vor einer fehlenden Brücke zu stehen mit abgelaufenen Visa möchte ich auch nicht. Und auf die Frage, ob es in Kathgodam oder Haldwani Matratzenläden gibt antwortete mir der verfilzte Sadhu grinsend und mit einem Ausdruck in seinem Gesicht, als würde er mir den Sinn im Leben deuten wollen: „No, YaAA Baba checking Baba. shillum mind cleaning, good good cleaning good everything khala. No cleaning no good, shillum smoking. All Live checking Baba. Yaa all life, everything. Sadhu life, animal Life all life. checking mind cleaning…“. Ich fasste seine Antwort als ein ‚glaub nicht‘ oder ein ‚was?‘ auf und kaufte keine Matratze.

Nach stundenlangen warten in einer verregneten Bus- und Lkwschlange vor einer fehlenden Brücke in Raighat entschied ich mich für eine elf Kilometer Miniwanderung nach Nainital mit mehr Pause als Wandern. Im Dauerregen nach wenigen Kilometern klappte ich mein Haus in dem wunderschönen kleinen Ort Pandali aus. Die Aussicht stand im dichten Nebel und der Regen ruhte sich ab und an mal in Form von Nieselregen aus. Aber mein Haus Stand gut, sogar eben. Ein dunkelgrünes Eigenheim auf Erdölbasis mit gelb leuchtenden Innern. Von Flut und Regen desillusionierte Wandertschechen verkauften es mir nach missglückten Trekkingversuchen in Ladakh. Es ist schön, geräumig und Groß. Wie ein Schrank liegt mein Rucksack in der Ecke wacht über die davorliegenden Klamotten. Nicht sonderlich sauber aber den Schein von Ordnung bewahrend hängen Zwiebeln, Knoblauch und Kartoffeln, Chilies und Gewürze an Karabinerhaken von der Decke. Die Küche ist multifunktional (löchrige Plastikplane und Spanngurte) und dient zugleich als Terrasse mit vernebelten Bergpanorama. Strahlend gelb thront sie auf ihren Säulen (Wanderstöcke). Auch im Dauerregen ist es innen fast trocken und selbst eisigen Stürmen auf über 5000 Metern hielt es trotzig und mit dicken Steinen auf den Heringen stand.

Ich probierte es gleich nachdem ich es endlich gefunden hatte aus. Da die Flut einige Straßen in Ladakh mitgenommen hatte und der Rückweg nach Manali teurer und nur in Jeeps zu schaffen war, entschied ich mich ein paar Tage zu laufen (eigentlich suchte ich nur einen Grund zum Laufen, das mit den Straßen war relativ egal). Vom Tsomoriri bis nach Pang (Pangok). Sechs Tage nur Einsamkeit, hohe Berge die sich wie ein überdimensionaler Sandkasten über den Horizont erstreckten. Keine Menschen, keine Siedlungen, nur ab und an die Überreste der Nomadenlager. Meist Kreise aus dicken Steinen, die die Zelte befestigen, mit einer kleinen Feuerstelle in der Mitte. Verkohlte Reste von mickrigen Sträuchern und Pferdemist. Mein eigener Kocher war leider in Delhi eingelagert. „Ich fahre mit meiner Tante Annette nach Ladakh. Ich werde niemals wandern gehen…“ sagte ich mir und stellte mein Zeug in einer Gepäckabgabe in Delhi ab. Nichts Warmes zum Essen oder zu trinken. Ich ernährte mich von gesalzen und gezuckerten Haferschleim mit Sojagranulat, getrockneten Früchten, Öl und Erdnussbutter. Angerührt im kalten Wasser. Einen Morgen war es sogar so kalt, dass das Wasser in meinen Flaschen während dem Laufen gefror. Eine dünne Eisschicht über meiner Außenhülle begrüßte mich fast jeden Morgen. Und gegen Mittag zog sich jeden Tag der Himmel zu einem bedrohlichen Schwarz zusammen, dass die Täler hochrollte. Ganz wohl war mir vor allem wegen dem schlechten Wetter nicht. Da mein Schlafsack leider schlummernd in Delhi untergebracht war, brauchte ich alle Klamotten (natürlich trocken) um Nachts schlafen zu können. Geschichtet unter vier Paar Socken, drei T-Shirts, drei Baumwollhosen, zwei Pullovern einem Rucksackregenschutz, Jeans, Regenjacke und einem dünnen Fleeceschlafsack waren die Nächte ganz in Ordnung, wenn auch alles andere als gemütlich warm. Der Weg zog sich täglich über Stunden durch die Atemberaubende trockene bizarre Landschaft aus Geröll und Steinen, die sich niemals großartig änderte. Morgens ein schöner Ausblick, den man nachmittags nur aus einem andern Winkel bestaunt. Trotz Kälte, dem schweren Gepäck und meinem Schiss nass zu werden waren es unbeschreiblich schöne Tage. Eine großartige Erfahrung in einer anderen Welt, in der einem nur die Murmeltiere, die Vögel und eine paar wilde Pferde begrüßen. Als wäre die Zeit angehalten worden und die Menschheit hätte für einen Moment stillgestanden. Nur die Tiere nicht, sie haben keine ja zum Glück Uhr.

Nach lang ersehnten warmen Essen und einer Nacht im militärisch überwucherten Pang (eigentlich nur ein großer Stützpunkt wie leider vieles in Ladakh) fuhr ich per Anhalter in Bunt geschmückten LKWs über die unbefestigten Passstraßen (höchster Punkt: Lachulung La 5.059 m) weiter in Richtung Manali.

Gerade ruht sich mein Haus hängend aus. Leider nicht besonders trocknend. Der Regen hält immer noch an und selbst im Haus der nett belebten Familie ist die Luft so feucht, dass nichts trocknet. In Pandali blieb ich zwei Nächte, meist eingehüllt in meinem Plastik Wohnbereich, stürzte draußen der Himmel auf die vor nassem Grün protzende Hügellandschaft. Der Weg vor meinem Haus führte zum einzigen Laden in zehn Kilometern Umkreis und es regnete vor Einladungen. Glücklich in den eigenen vier Wänden blieb ich draußen. Eingeregnet und überschwemmt von indischer Freundlichkeit, die mir fast halbstündig ‚Hallo‘ sagen will, Gurken, Mais oder Milch vorbei bringen will, trete ich nach zwei Tagen die Flucht an. Grüße an Diwan Singh, einem glücklichen Zahnlosen alten Mann, mit dem ich gerne eine Sprache teilen würde.

Klatschnass und viel zu spät lief ich nur bis zum nächsten Dorf. Ein Hanffeld lud mich ein und ich versuchte mein Glück.
„Tee? setz‘ dich, wie heißt du?“ fragte sie mich einladend.
„Danke, danke. Ich heiße Andi.“
„aaa Anandi, schöner Name, komm herein“ Ananda ist Sanskrit und bedeutet so viel wie Glückseligkeit. Interessant sind auch Anandamide, wenn ich auch leider nichts davon kapiere.

Jetzt sitze ich hier, trinke Tee und verteile Ballons an ihre vier Kinder. Zeige, dass sie wild durch den Raum flattern, wenn man sie nicht zu knotet und dass man laut quietschen kann um die Eltern zu nerven.

Indien ist so traumhaft schön, umso weiter man sich von den normalen Touristenrouten verirrt. Beim Trampen von Ladakh nach Manali fuhr niemand vorbei, trotzdem wartete ich Stunden auf den ersten LKW, der mich mitnahm. Zwei junge Sikhs mit einer Ladung Zement. Sie fuhren für BRO (Border Roads Organisation; die die die Straßen immer wieder herrichten) und zeigten immer wieder runter: „Da war die Straße vor einem Monat, jetzt ist hier ein neuer Einschnitt.“

Der wichtigste Unterschied zwischen deutschen und indischen Lkws ist für einen Anhalter, dass sie nur zwei Sitzplätze haben. In Deutschland, wie auch in Indien. Wenn in Deutschland zwei mitfahren ist das Ding voll, in Indien passen dann immer noch zehn mehr rein (Sie fahren meist sowieso zu zweit). Die Sitzfläche besteht oft aus einer Art riesigen bequemen Sofalandschaft, und die Welt läuft langsam vor der Riesigen Windschutzscheibe vorbei. Meistens sind sie Geschmückt, bemalt, mit endlosen Farben, Glöckchen und blinkenden Göttern. Schwer, wie eine göttliche Walze humpeln sie über die steinigen Straßen. Im Windschutzscheibenpanorama, weit unten im Tal sieht man auch welche. Leider fahruntüchtig. In einem Lkw von Sarchu bis in die Nähe von Keylong blinkte und leuchtete es mit LED Hindugottheiten vor beschmückten in Schwarz gehaltenen Hintergrund. Der Geruch von Räucherstäbchen runzelte durch die Fahrerkabine. Es war alles vorhanden, was dem Fahrer die göttliche Kraft gab auf der häuprig kurvigen Straße zu bleiben. Der Beifahrer war Buddhist und versank im Schneidersitzt sitzend bei der Stundenlangen Fahrt in ein tiefes Om Mani Padme Hum Om Mani Padme Hum Om Mani Padme Hum … . Erst bei Dunkelheit half er dem Fahrer diskutierend seinen blinkenden, leider Scheinwerferlosen Koloss, durch die engen Serpentinen zu manövrieren. Ich verstand nicht viel, nur Satzfetzen: „Straße zu Klein, Auto zu Groß“; „Das funktioniert nicht“ „Doch Buße fahren hier auch“… . Irgendwo verfahren in einem kleinen Dorf verbrachten wir die Nacht bei einer Familie mit reichlichen Vorrat an lokalem Alkohol.

Bei der Fahrt von Kullu nach Chandigarh verbrachte ich meine erste Nacht auf dem Dach eines Tanklasters, bis es leider anfing zu regnen. Mitgenommen wird man immer, zum Essen eingeladen, zu Freunden und Familie. Wenn ich wollte könnte ich mich von Stadt zu Stadt, zur nächsten Einladung hangeln und immer bekocht und umsorgt werden.

Auf Terrassen schlängelt sich Gemüse, Obst und Hanf um das Haus. Außerdem gibt es Kühe, Büffel und Ziegen. Spätestens beim Abendessen bemerkt man die Tiere: Jogurt, Kir (Milchreis) und Roti, „möchtest du Milch?“.

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Was war sonst noch. Gestern war mein Rückflug und ich bin immer noch hier. Im ersten Text war die verworrene Ankündigung.

Gerade bin ich in Kathgodam und mache mich morgen auf den Weg nach Nepal. Mittlerweile habe ich Räder bzw. ein Rad und sogar ein drittes, oder so. Aber das ist eine andere Geschichte.

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