Von Bremen nach Dänemark

In Bremen wurde ich herzlichst empfangen von meinen alten Freunden und mittelneuen Freunden, die letztes Jahr bei der Sommerkollektion hier in der Quelle mitgemacht haben. Ich bin in einer Wohngemeinschaft untergekommen, die ein kleines Häuschen ein wenig außerhalb bewohnt, in einer kleinen Straße mit lauter baugleichen kleinen Häuschen. Wie eine geschrumpfte Welt. Wir sind viel auf der Eingangstreppe rumgesessen, da gibts immer mal wieder was zu sehen. Leider habe ich noch kein Foto der Zeichnung, die ich von den Bewohnern gemacht habe, geschickt bekommen.

Ich war hauptsächlich an der Hochschule für Künste, die eineinhalb Wochen meines Aufenthalts dort. Es gab ein Sommerfest und ich habe mich für die coole Aktion revanchiert, die die Bremer bei uns aufgezogen haben und beim AUfbau mitgeholfen. Habe diverse Palettenmöbel gebaut, ein großes „Dach“ mit farbiger Folie eingewickelt und angebracht… Der Aufbau war schon lustig, coole Leute dort an der HFK! Was mich allerdings störte, war der enorme Materialverbrauch, den sie da hatten: ewig viele Dachlatten, auch gar nicht so wenige Pressspanplatten und dann eben noch diese leuchtend bunte Plastikfolie. Finde ich nicht so erstrebenswert, so Recourcen zu verbraten… Als ob es nicht schon genug Müll auf der Welt gäbe! Man kann ja immer irgendwo was abgreifen, nur muss man sich eben dann etwas vorher darum kümmern.

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Aufbau HFK Sommerfest. Der wundervoller Lady Armanda, der deinen Kaffeesatz ließt baut hier gerade ihr Wahrsagerzelt (links)

Aber wirklich eine schöne Schule, die sie da haben. Eine gute Gemeinschaft besteht dort, sehr familiär. Sie haben auch ein, von den Studenten geführtes Café im 3. Stock, wo es jeden Tag warmes veganes Essen gibt und Kaffee und Kuchen. Absolut unvergleichbar mit den Schulen, die es hier in Nürnberg hat. Da gibts vielleicht ne Kantine, wo im Glücksfall mittelgute Tiefkühlkost serviert wird. Dieses gemeinsame Essen ist meiner Meinung nach die Grundlage für ein gutes soziales Gefüge. Allerdings habe ich während meines Aufenthalts auch keine einzige Person kennengelernt, die nicht an der HFK war.

Da ich ja aber schon noch in den Norden hoch wollte, hab ich mich dann mal wieder aufs Rad geschwungen und die Mammutetappe meines Urlaubs gemeistert. (Auf Etappe 5 – Bremen-Hamburg bin ich noch einmal im Gebiet der gekauften Karte unterwegs gewesen, deswegen kein gezeichnetes Exemplar) Habe es tatsächlich geschafft die rund 150km an einem Tag zu fahren. Mit jeder Menge Rückenwind und kaum Steigungen aber trotzdem eine gute Strecke. Und wunderschön wars auch. Habe mich aus südwestlicher Richtung der Stadt genähert. Musste mich da mit diversen Autobahnen, Schnellstraßen und Bahnlinien rumschlagen. Irgendwann bin ich durch einen riesigen unbeleuchteten Tunnel gefahren, bestimmt 20 Meter hoch und 200 Meter lang. Man konnte den Boden nicht sehen, weil die Augen so ans Tageslicht gewöhnt waren, so dass man einfach durchs Nichts in Richtung Licht unterwegs war. Dann, schon in der Dämmerung, bin ich im Hafen gelandet der ja total absurd ist. Völlig lebensfeindlich, lauter Fabriken und Kraftwerke, breite Straßen – völlig leer, immer wieder Klappbrücken über irgendwelche Kanäle und alle 10 Minuten ein Laster, der an mir vorbeidonnert. Durch den alten Elbtunnel bin ich auf der anderen Seite vom Fluss gelandet. 2 große Aufzüge bringen andauernd Fußgänger und Radfahrer nach unten, die machen sich dann auf zur anderen Seite und fahren da wieder hoch. Und ab und an dürfen auch ein paar Autos durch, glaub ich. Lustiges Ding! Eine Nacht hab ich nochmal im Vüddl (wie die Gängeviertler ihr Reich nennen) geschlafen

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Etappe 6: von Hamburg nach Lübeck, an der Alster aus Hamburg rauszufahren, dann durch den Duvenstedter Brook und dann auf einer alten Bahnstrecke nach Bad Oldesloe zu fahren war super. Nach Bad Oldesloe war es dann nicht mehr so schön… wobei… ich hab Kirschen am Straßenrand gefunden!

Lübeck ist sehr hübsch gewesen. In der Innenstadt gibt es viele „Gänge“, winzige Gassen die durch die Blocks gehen. Oft sind sie der einzige Zugang zu den Häusern, so dass die Menschen die dort wohnen keine großen Möbel haben können, weil die nicht durchpassen würden. Und hier ist es mir auch wieder aufgefallen, wie in Hamburg im Gängeviertel und wie in Bremen in der Tieckstraße: Wenn die Menschen einen öffentlich zugänglichen Raum zu ihrem Wohnzimmer umfunktionieren, sind das immer wunderbare Plätze.

Habe mein Fahrrad aufgerüstet mit einem Triatlonlenker, weil ich zu aufrecht saß. Und es ist immer gut eine zweite Körperhaltung zur Verfügung zu haben. Hat sich auf dem Weg nach Kiel auch sofort ausgezahlt, der Gegenwind und die Hügel hätten mich sonst total fertig gemacht!

Hä? Im Schwentinental.

Hä? Im Schwentinental.

Etappe 8: von Lübeck nach Kiel, ich kann sehr empfehlen, durchs Schwentinental zu fahren, Plön hingegen fand ich schrecklich (voll bis obenhin mit Yacht-Rentnern)

Etappe 7: von Lübeck nach Kiel, ich kann sehr empfehlen, durchs Schwentinental zu fahren, Plön hingegen fand ich schrecklich (völlig Villen- SUV- und Segelyacht verseucht)

Auf den ersten Blick war Kiel eher hässlich aber ich glaube man kann es dort ganz gut aushalten. Ich bin wieder mit Bewelcome untergekommen, genauso wie in Lübeck. Meine Gastgeberin hat mir sogar noch einen Schlafplatz in Eckernförde bei einem sehr schrägen Künstler organisiert und mir einen Tipp (der sich als hervorragend herrausgestellt hat) für Flensburg gegeben.

Etappe 8: Bin dann also spontan am Abend noch nach Eckerförde gefahren. Auf den 20 oder 30km bin ich das erste Mal (und das letzte Mal!) richtig in den Regen gekommen.

Konnte mir für Etappe 9 – von Eckernförde nach Flensburg keine Karte zeichnen weil der Künstler sehr früh aufstehen und gehen wollte. Dachte mir, ich nehm einfach den berühmten Ostsee-Radweg. Naja. Der war 1. von E-Bike-Touristen überschwemmt, 2. sehr bucklig und 3. habe ich auch recht bald die Route verloren. Bin dann am Rand von so einer Bundesstraße zu meinem Ziel gefahren. Mit brutalem Gegenwind. War scheiße. Da war ich mir nicht so sicher, ob ich noch so lang reisen will… Aber meine nächste Station hat mich sofort wieder überzeugt:

Die Luftschlossfabrik - ein besetztes Haus am flensburger Hafen

Die Luftschlossfabrik – ein besetztes Haus am flensburger Hafen

Die Luftschlussfabrik steht am Ende einer künstlichen Hafen-Halbinsel. Eine breite gepflasterte Straße führt auf den großen Hof, wo sie einen stattlichen Wagenplatz haben, bestimmt 20 Heime auf Rädern waren wie ein Dorf angeordnet um einen kleinen Platz herum. Nebendran waren die „Roten Beete“, der Gemeinschaftsgarten mit Feuerstelle und so. Auf dem Hof vor dem Gebäude tummeln sich seltsame, kaum steuerbare Vehikel (siehe Zeichnung Mitte), ein Boot mit Rädern (ganz links) und diverse Feuerschalen. Das Gefährt hatte die Pedale vorne unterm Lenker und hinten 2 flexible Räder, so dass man sich ständig selbst überholt hat, sobald man etwas schneller gefahren ist. Ein großer Spaß!

Innen hatten sie eine Küche, ein Büro, einen Konzertsaal, ein paar Gästezimmer, wo ich in einem untergekommen bin, mit Blick aufs Meer, einen Umsonstladen und eine Werkstatt, die sehr interessant war: Voll bis obenhin mit kleinen und großen Elektrobauteilen, Reagenzgläsern und anderen seltsamen Glas-Apperaturen und jede Menge Zeug, von dem ich keine Ahnung hatte, was es ist. Sah aus wie das Labor eines verrückten Erfinders. Und mitten drin war ein sehr fantasievolles Lego-Idianer-StarWars-Kampfszenario aufgebaut! Habe später erfahren, dass 2 Jungs, die ihr altes Lego wieder rausgekramt hatten diese stattliche Welt in dem Technik-Chaos aufgebaut haben.

Blick vom Dach (das über eine große Treppe zu erreichen ist) in den Hof. Die Perspektive ist ganz komisch geworden!

Blick vom Dach (das über eine große Treppe zu erreichen ist) in den Hof. Die Perspektive ist ganz komisch geworden!

Ich habe dann bis spät in die Nacht mit einem der Punker vom Wagenplatz Gemüse fritiert und gegessen. In dieser schon ziemlich siffigen Küche… Die Vorratskammer (die gleichzeitig der Gang war) quoll über vor einem bunten Sortiment containertem Zeug. Die Luftschlossfabrik war trotz der völligen Unordnung und Unsauberkeit ein super Ort. Macht eben jede wie sie will. Ich hab mich am nächsten Tag noch gut eingedeckt mit Proviant für die Fahrt nach Dänemark. Endlich!!

Anmerkung: Die Luftschlossfabrik wurde am 3. Februar 2016 mit Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen von der Polizei geräumt.

Etappe 8: von Flensburg nach... Ærøskøbing. Den Zettel habe ich im Papiermüll der Erfinderwerkstatt gefunden. Man beachte die gezeichneten Schaltpläne unten!!

Etappe 8: von Flensburg nach… Ærøskøbing. Den Zettel habe ich im Papiermüll der Erfinderwerkstatt gefunden. Man beachte die gezeichneten Schaltpläne unten!!

Meine erste Station im Nachbarland war das Haus von Najas Eltern in Svendborg. Naja habe ich in Paris bei meinem Erasmus-Semester kennengelernt. Es war plötzlich viel angenehmer, das Fahrradfahren bei den Dänen. Die Wege waren sehr schön und lang nicht soviele nervige Autos unterwegs. Dafür aber viele gleichgesinnte RadfahrerInnen! Ich glaube ich habe vorher, während meiner ganzen Tour nur Ü-50-E-Rad-Spießer-Päärchen und irgendwelche High-Tech ausgerüsteten Typen getroffen. Einer hatte halt echt ein Tablet am Lenker montiert und mich nach dem Weg gefragt! Hier hingegen grüßt man sich freundlich unter Radfahrern und die Gefährte sehen ähnlich unperfekt selbstgebaut aus wie meins.

Ich hatte dann 2 Optionen wie ich auf die Insel Fünen gelangen konnte, auf der mein Schlafquartier auf mich wartete: Entweder ich wär direkt mit der Fähre rüber gefahren und dann den Rest mit dem Rad oder erst auf die vorgelagerte Insel Ærø, ein paar Kilometer auf dem Eiland und dann mit dem nächsten Boot direkt nach Svendborg. Letzteres erschien mir sympatischer. Tja. Ich hatte eine gute Stunde fuer 16km auf der Insel von einem Hafen zum andern bis die Fähre geht, hætt ich auch locker geschafft, nur dann kam da so eine verlockende Abzweigung, ein toller Radweg den ich einfach entlang fahren musste. Es hat sich dann herrausgestellt, dass er nicht zum Hafen führt… und ich hatte nurnoch 15 min. Ich hab dann wen nach dem Weg gefragt, er meinte nåchste links, sind ungefæhr 7km und so eine halbe Stunde. Bin dann so schnell ich konnte da lang gefahren und 3 Minuten zu spåt gekommen. Die letzte Fæhre von der Insel war dann wohl weg… Hab mich dann erstmal hingehockt, und den Sonnenuntergang angeschaut, die Leute die am Hafen spazieren waren gefragt ob ich bei ihnen schlafen kann, wollte aber keiner :D… Dann hab ich auf der Suche nach einem schønen Platz fuer meine Isomatte eine kleine Gruppe Wursthaarträger mit Hunden getroffen, die ich natuerlich auch gleich gefragt habe. Sie haben ein bisschen hin und her ueberlegt und meinten dann, ja ich koennte im Cockpit schlafen. Mir wars egal, Hauptsache irgendwas. Es hat sich dann herrausgestellt, dass Flo, Lisa und Lasse mit ihrem Boot am Hafen liegen, weil ihnen das Segel gerissen ist und sie es flicken mussten. Wir hatten einen echt schönen Abend auf ihrem Boot! Der Nachbar war begeistert und hat Jägermeister-Runden spendiert. Lisa hatte Geburstag (den sie allerdings verschlafen hat) es wurden Joints und Knäckebrot-Snacks gebaut und konsumiert, es wurde philosophiert und linke Klassiker auf der Gitarre gespielt. Und ich bin am nåchsten Morgen mit der Fæhre rübergefahren. (=Etappe 9) 1a, was man nicht alles erlebt, wenn man in scheinbar eher sehr bløde Situationen gerät!

(eigentlich hab ich auch ne schöne Zeichnung vom Boot und seinen Insassen gemacht, aber Flo hat sie mir noch nicht wie versprochen geschickt… vielleicht sind sie auch noch unterwegs)

Die Svendborgsundbroen

Die Svendborgsundbroen

schlange

Das Vieh, besehend aus 2 aneinander genähten Schlafsäcken wird von Naja mit einem Besen gesteuert. Hier beim 1. Test😀

Bei Najas Eltern war es sehr angenehm! Sie haben ein schönes Haus mit riesigem ebenso schönem Garten mit unerschöpflich vielen super leckeren Kirschen. Und ich hab mich gefühlt wie die Made im Speck nach den Entbehrungen der letzten Tage! Mein Zimmer hatte eine große Glasfront direkt auf den Garten raus, die Sonne hat mich jeden Morgen geweckt. Dann gabs Frühstück mit unter anderem fast schwarzer selbstgemachter Marmelade aus Johannisbeeren die unglaublich intensiv geschmeckt hat! Ich bin auch ein paar mal mit Naja zu ihrer Arbeit gefahren: Sie hat bei den Kostümen und dem Bühnenbild für eine Freilichtoper mitgeholfen und außerdem im Chor mitgesungen. Der Grund warum sie bei ihren Eltern war und nicht in Kopenhagen. Tryllefløjten wurde aufgeführt – die Zauberflöte. Ich hab auch ein bisschen mit an der Schlange rumgenäht, die Tamino zum Auftakt angreift.

Es kam noch ein weiterer Gast zu Naja, Jens-Peter. Er sollte auch im Opernchor mitsingen. Ich glaube er studiert Komposition in CPH(=Kopenhagen). Er lief oft mit seiner Kalimba herum und hat Trance-artige Schleifen gespielt. Ein Stück wollte er für dieses Instrument komponieren. Gute Idee!!

Naja und Jens-Peter am musizieren

Naja und Jens-Peter am musizieren

Najas Vater ist begnadeter Gitarrist. Er hat eine offene Bühne im Hafen veranstaltet. Ich habe das Konzert gezeichnet und ihm das Bild geschenkt:

Das Konzert auf dem Bølgen, so hieß diese schwimmende Bühne.

Das Konzert auf dem Bølgen, so hieß diese schwimmende Bühne.

Lorenz aus Nürnberg hatte mir von einem wunderbaren Ort erzählt, einer alten Keramikfabrik, die zu einem selbstverwalteten Lebens- und Kulturzentrum transformiert wird. Ich wollte sehr gern dort hin, hab ihnen eine Mail geschrieben aber keine Antwort bekommen. Wusste dann nicht, ob ich einfach aufschlagen soll oder was ich machen soll. Habe mir auch überlegt, heim zu fahren… Irgendwann hab ich dann in Svendborg am Strand irgendwelche Leute getroffen, mal wieder deutsche Hippies und einen Dänen. Hab ihm von meinen Plänen erzählt und er kannte den Ort. Er gab mir eine Telefonnummer, der ich gleich geschrieben habe, die wiederum gab mir eine andere Nummer weil sie gerade nicht da war. Die andere Nummer meinte ich soll ihr eine Mail schreiben, wer ich bin und so, und schließlich gabs dann grünes Licht!

Up to come: Teil 3: Makvärket (die Keramikfabrik) und Kopenhagen

Schon geschrieben: Teil 1: Durch die Heide ins Gängeviertel

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