Weltenwechsel Teil 2 von 2

… In den Farben der Abenddämmerung überqueren wir die auf 500 Metern gelegene Grenze. Auf der dem Wetter zugewandten Seite reist der Wind an unseren Rädern, drückt sie mal nach links und mal nach rechts. Das Wetter ist relativ gut und der Himmel fast Wolkenfrei, doch der Schnee, vom Wind aufgewirbelt (gar nicht so viel Wind, es braucht nicht viel Wind), weht uns deutlich spürbar um die Ohren. Der Schnee türmt sich höher am Straßenrand empor als noch auf Schwedischer Seite, weht über die Straße und bildet vereinzelte Schneefelder. Die Fahrräder scheinen zu schwimmen. Der Wind und die Farben des umherwehenden Schnees im Scheinwerferlicht des Gegenverkehrs reißen an den Empfindungen. Der Geschwindigkeit blind erzählt uns der GPS-Tacho, wir fahren 50 km/h.

Unten angekommen besteht unser Sinn einzig darin endlich einen geschützten Platz für die Nacht zu finden. Auf einem nahe gelegene Privatgrundstück trotzen mehrere kleine Häuschen dem ökologischen Imperativ und strahlen menschenlos ihr Licht in die Nacht. Keine Spuren im Schnee, keine Antwort auf unser Klopfen an die Türen. Wir hätten gefragt, aber nehmen die windstille Möglichkeit auch heimlich an und zwängen uns und die Räder in ein kleines dreiwändiges Häuschen. Wir wechseln unsere Bewegungen aus Platzgründen ab, bauen langsam beengt unser Lager auf und ziehen uns um.

Am nächsten Tag reicht der Blick nicht weit in die Ferne. Von Menschen unbehelligt, bei leichtem Schneefall, knapp unter Null Grad, setzen wir uns wieder auf die Räder. Die einsamen Privathäuschen um uns herum strahlen weiter ihr sinnloses Licht in den grauen Tag.

In Bjerkvik öffnen wir die ersten Supermarktmülltonnen, sind von der Vielfalt erstaunt und legen eine längere Pause ein. Wir warten auf besseres Wetter, sortieren den Fund bzw. schlagen uns die Bäuche voll.

Der Schneefall macht die Fahrt spannend. Zwar raubt das Wetter einem die Sicht auf die bergige Landschaft aber bereitet der Fahrt einen ganz eigenen Charme.

Das Festland gerade hinter uns gelassen erscheint am linken Straßenrand ein eindeutig verlassenes Haus mit geöffneter Scheune. Ich bleibe stehen und warte ein paar Meter auf Niklas. Sein Zusatzsinn für trockene Übernachtungsmöglichkeiten schlägt, wie auch meiner, an. Ohne viele Worte zu wechseln stellen wir die Räder ab und inspizieren die heutige Bleibe: Trocken, viel Brennholz in unterschiedlichsten Formen und eindeutige Spuren von vorherigen Übernachtungen. In einer Ecke liegt eine große Holzplatte. Ich muss nichts tun irgendwer hat mir dieses flache Bett schon zurecht gelegt. Niklas bastelt, stapelt Holz- und Styroporplatten und legt seine Isomatte darüber. Ein luxusbett. Die selbstaufblasenden Isomatten funktionieren bei diesen Temperaturen wieder. In der Kälte Nordschwedens blieben sie einfach platt, sodass nur Aufpusten hilft (bringt aber Feuchtigkeit in die Matte. Ein Trugschluss). Meine selbstaufblasende Matte verwendete ich am Anfang der Reise selten und später gar nicht mehr, die einfache Schaumstoffmatte genügte mir auch im den kältesten Nächten.

Etwas trockenes Brennholz auf das Fahrradheck geschnallt strampeln wir weiter auf den in den Atlantik geschmissenen Bergen. Sind auf dem Weg zu einer Familie, die wir über couchsurfing kennenlernten. Unser Plan ist zwei Nächte mit ihnen zu verweilen und auf besseres Wetter und klare Sicht zu hoffen. Selbstverständlich stopfen wir unsere Taschen mit ausreichend Proviant für die lange Pause voll. An der ersten Supermarktmülltonne spricht uns ein Reporter an. Er hätte uns heute morgen gesehen und ist froh uns jetzt gefunden zu haben. Er heißt Niels, kommt vom nrk, dem norwegisch staatlich rechtlichem Fernsehsender und möchte mit uns fahren. Solange er sich nicht daran stört, dass wir bei jedem Supermarkt unser Glück probieren kann er gerne mit kommen. Wir machen uns einen Spaß daraus. Er filmt mal hier mal dort, begleitet uns bis Harstad. „What did you find?“ fragt er gespannt und filmt noch einmal in den verdorbenen Müll. Schade das kein mit guten Lebensmitteln überfüllter Mülleimer zur Stelle ist, wenn wir mal einen richtigen Reporter im Schlepptau haben. „Nothing, just bread“ antworte ich ihm. Wir haben zu viel Brot. Haben noch Brot, das seit hunderten Kilometern in unseren Taschen lagert. Gemüse? Beim nächsten Markt werden wir fündig. Dort müssen wir nicht mal selbst an die Tonne denn ein freundlicher Mitarbeiter beim Wegschmeißen füllt uns die Taschen direkt mit Karotten und Äpfeln. Niels ist dabei schneller auf der Laderampe als wir. Noch bevor der Mitarbeiter den Reporter bemerkt, hat er beim Befüllen unserer Taschen schon die Kamera vor seinem Gesicht und hält überrumpelt ein kurzes Interview über die Wegschmeißphilosophie unserer Gesellschaft.

Niels, wieder auf dem Weg zu seinem Auto, wird von uns gebremst. Wir haben Äpfel, makellos und endlich nicht mehr tiefgefroren. Wir haben Äpfel und wir essen jetzt erst mal Äpfel!

Der Film und ein netter Beitrag ist beim NRK zu finden: Niklas og Andi finasierer sykkelturen gjennom Norge med søppel

Wir selbst dürfen den Film allerdings nicht hochladen. Aber niemand kann uns verbieten in den Schnee zu pinkeln:

2 Antworten auf Weltenwechsel Teil 2 von 2

Karte

click to load map

Weltenwechsel Teil 2 von 2